CHRONOLOGIE des HOLOCAUST

Funktionen für die Darstellung

Schriftgröße:
Darstellung:

Seitenpfad

08.11.1938

Aufzeichnung des Staatssekretärs Weizsäcker für Außenminister Ribbentrop

"Der polnische Botschafter wollte heute bei mir die nach seiner Behauptung festgefahrenen deutsch-polnischen Besprechungen über die Behandlung der polnischen Juden in Deutschland wieder flottmachen. Ich habe Lipski gesagt, meines Wissens seien die Besprechungen nicht abgebrochen und nicht in einem solchen Stadium, daß zwischen uns beiden heute der Knoten durchhauen werden müßte. Die akute Frage, nämlich wie mit den von uns Abgeschobenen zu verfahren sei, stehe doch unmittelbar vor der Lösung. Wegen der in Deutschland noch verbleibenden polnischen Juden sähe ich die Lösung zwar auch noch nicht vor Augen. (...)
Worauf wir uns bestimmt nicht einlassen könnten, sei, daß uns im Wege der Ausbürgerung ein Klumpen von 40-50.000 staatenlosen ehemaligen polnischen Juden in den Schoß fiele. (...)
Im übrigen möge Lipski einmal den Fall von Rath betrachten. Ich würde mich nicht wundern, wenn dieser Vorgang noch zu einer ganz erheblichen Verschärfung der deutschen Maßnahmen gegen die polnischen Juden führte." (ADAP, Serie D, Bd. V, Nr. 95)

Leitartikel des "Völkischen Beobachters"

"Es ist klar, daß das deutsche Volk aus dieser neuen Tat seine Folgerungen ziehen wird. Es ist ein unmöglicher Zustand, daß in unseren Grenzen Hunderttausende von Juden noch ganze Ladenstraßen beherrschen, Vergnügungsstätten bevölkern und als 'ausländische' Hausbesitzer das Geld deutscher Mieter einstecken."

09. - 10.11.1938

Die sogenannte "Reichskristallnacht"

Pogromnacht nach dem Tod des am 7. November angeschossenen, am 9. November nachmittags verstorbenen deutschen Diplomaten Ernst von Rath in Paris.
Mindestens 91 Juden werden bei den Angriffen der Nationalsozialisten getötet. Ungefähr 20.000 Juden werden festgenommen und auf die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen verteilt.

10.11.1938

(Kurz nach Mitternacht) Rundschreiben der Gestapo-Zentrale an die Polizeichefs in ganz Deutschland:

"Auf Grund des Attentats sind im Laufe der heutigen Nacht im ganzen Reich Demonstrationen gegen die Juden zu erwarten. Für die Behandlung dieser Vorgänge ergehen die folgenden Anordnungen:

1. Die Leiter der Staatspolizeistellen oder ihre Stellvertreter haben sofort nach Eingang dieses Fernschreibens mit den für ihren Bezirk zuständigen politischen Leitungen (der NSDAP) - Gauleitung oder Kreisleitung - fernmündlich Verbindung aufzunehmen und eine Besprechung über die Durchführung der Demonstrationen zu vereinbaren, zu der der zuständige Inspekteur oder Kommandeur der Ordnungspolizei zuzuziehen ist. In dieser Besprechung ist der politischen Leitung mitzuteilen, daß die Deutsche Polizei vom Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei (Himmler) die folgenden Weisungen erhalten hat, denen die Maßnahmen der politischen Leitungen zweckmäßig anzupassen wären:
a) Es dürfen nur solche Maßnahmen getroffen werden, die keine Gefährdung deutschen Lebens oder Eigentums mit sich bringen (z.B. Synagogenbrände nur, wenn keine Brandgefahr für die Umgebung vorhanden ist),
b) Geschäfte und Wohnungen von Juden dürfen nur zerstört, nicht geplündert werden. Die Polizei ist angewiesen, die Durchführung dieser Anordnungen zu überwachen und Plünderer festzunehmen." (IMT, PS-3051)

Bekanntmachung des Propagandaministers Goebbels

"Die berechtigte und verständliche Empörung des deutschen Volkes über den feigen jüdischen Meuchelmord (...) hat sich in der vergangenen Nacht in umfangreichem Maße Luft verschafft. In zahlreichen Städten und Orten des Reiches wurden Vergeltungsaktionen gegen jüdische Gebäude und Geschäfte vorgenommen.
Es ergeht nunmehr an die gesamte Bevölkerung die strenge Aufforderung, von allen weiteren Demonstrationen und Aktionen gegen das Judentum, gleichgültig welcher Art, sofort abzusehen. Die endgültige Antwort auf das jüdische Attentat in Paris wird auf dem Wege der Gesetzgebung, bzw. der Verordnung dem Judentum erteilt werden." (AdG, S. 3806)

10.11.1938

Italien

Der Ministerrat nimmt die "Provvedimenti per la difesa della razza Italiana" (Verordnungen zur Verteidigung der italienischen Rasse) an. Sie entsprechen im Wesentlichen den Maßnahmen, die der Faschistische Große Rat am 6. Oktober 1938 beschlossen hatte.

Als Juden im Sinne dieses Gesetzespakets gelten auch verschiedene Kategorien von "Halbjuden". So z.B. Kinder einer jüdischen Mutter, wenn der Vater nicht bekannt ist, und Angehörige der jüdischen Religionsgemeinschaft.

  • Ehen zwischen Juden und Nichtjuden sind verboten.
  • Juden werden nicht zum Militärdienst zugelassen.
  • Sie dürfen keine Häuser oder Grundstücke besitzen, die einen bestimmten (niedrig angesetzten) Wert übersteigen.
  • Sie dürfen nicht Inhaber oder Leiter von Betrieben sein, die als kriegswichtig gelten oder mehr als 100 Beschäftigte haben. Auch dürfen sie in solchen Betrieben keine leitenden Stellungen haben.
  • Sie dürfen nicht im öffentlichen Dienst oder in öffentlich-rechtlichen, halbstaatlichen und kommunalen Einrichtungen arbeiten; außerdem nicht bei größeren Banken und bei privaten Versicherungsgesellschaften.
  • Sie dürfen keine "arischen" Dienstboten beschäftigen.
  • Sonderregelungen  können zugelassen werden für Personen mit besonderen Verdiensten (und deren Familien) wie etwa verletzte oder ausgezeichnete Kriegsveteranen, Freiwillige des Spanischen Bürgerkriegs oder frühe Mitglieder der Faschistischen Partei. Nach Pressemeldungen betrifft das etwas mehr als ein Fünftel der in Italien lebenden Juden.
  • Juden ausländischer Staatsangehörigkeit dürfen in Italien und seinen Kolonien keinen festen Wohnsitz nehmen; sie müssen bis spätestens 12. März 1939 diese Gebiete verlassen, sofern sie dort nicht schon vor dem 1. Januar 1919 ansässig waren, einen italienischen Ehepartner haben oder über 65 Jahre alt sind. (AdG, S. 3802)

11.11.1938

Der Reichserziehungsminister weist die Rektoren der deutschen Universitäten an, jüdische Studenten sofort zu beurlauben und ihnen das Betreten der Hochschule zu untersagen. Zugleich wird jüdischen Schülern mit sofortiger Wirkung der Besuch "deutscher Schulen" verboten. (AdG, S. 3807-3808)

Das betrifft in der Praxis nur noch wenige Kinder und Jugendliche, da die "Rassentrennung im Schulwesen" ohnehin schon weitgehend durchgeführt worden war.

Bericht des Polizeichefs Heydrich an Göring, "betr. Aktion gegen die Juden"

"Der Umfang der Zerstörungen jüdischer Geschäfte und Wohnungen läßt sich bisher ziffernmäßig noch nicht belegen. Die in den Berichten aufgeführten Ziffern: 815 zerstörte Geschäfte, 29 in Brand gesteckte oder sonst zerstörte Warenhäuser, 171 in Brand gesetzte oder zerstörte Wohnhäuser, geben, soweit es sich nicht um Brandlegungen handelt, nur einen Teil der wirklich vorliegenden Zerstörungen wieder. Wegen der Dringlichkeit der Berichterstattung mußten sich die bisher eingegangenen Meldungen lediglich auf allgemeinere Angaben, wie 'zahlreiche' oder 'die meisten Geschäfte zerstört', beschränken. Die angegebenen Ziffern dürften daher um ein Vielfaches überstiegen werden.

An Synagogen wurden 191 in Brand gesteckt, weiterere 76 vollständig demoliert. Ferner wurden 11 Gemeindehäuser, Friedhofskapellen und dergleichen in Brand gesetzt und weitere 3 völlig zerstört.

Festgenommen wurden rund 20.000 Juden, ferner 7 Arier und 3 Ausländer. Letztere wurden zur eigenen Sicherheit in Haft genommen.

An Todesfällen wurden 36, an Schwerverletzten ebenfalls 36 gemeldet. Die Getöteten, bezw. Verletzten sind Juden. Ein Jude wird noch vermißt." (IMT, PS-3058)

Konferenz Görings mit Regierungsvertretern über die weiteren Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerungsgruppe

Göring teilt mit, daß nach dem Willen Hitlers "die Judenfrage jetzt einheitlich zusammengefaßt werden soll und so oder so zur Erledigung zu bringen ist." - Hitler habe ihm den Auftrag gegeben, "jetzt die entscheidenden Schritte zentral zusammenzufassen". Da das Problem vor allem ein wirtschaftliches sei, müsse auf diesem Gebiet der Hebel angesetzt werden.

Heydrich wendet ein, daß neben den wirtschaftlichen Aspekten "das Grundproblem" letzten Endes doch die Vertreibung und Verdrängung der Juden aus Deutschland bleibe. In der letzten Zeit seien nur 19.000 jüdische Menschen aus dem  Altreich ausgewandert, aber 50.000 aus Österreich. Dort habe man bei der jüdischen Gemeinde einen bestimmten Geldbetrag eingetrieben, um damit die Auswanderung ärmerer Juden zu finanzieren. Erforderlich sei eine systematische "Auswanderungsaktion" für das ganze Deutsche Reich, die auf mindestens acht bis zehn Jahre angelegt sein müsse. Da die meisten Juden durch die Berufsverbote und Enteignungen erwerbslos werden, drohe eine "Verproletarisierung" der vorerst noch in Deutschland Bleibenden. "Ich muß also in Deutschland solche Maßnahmen treffen, daß sie auf der einen Seite den Juden isolieren, damit er nicht in den normalen Lebenskreis des Deutschen eintritt. Ich muß aber auf der anderen Seite Möglichkeiten schaffen, die den Juden auf einen engsten Kundenkreis beschränken, aber eine bestimmte Betätigung zulassen, in der Rechtsanwaltsfrage, Arztfrage, Friseurfrage usw."

Zur Isolierung der Juden sollte eine Kennzeichnung eingeführt werden. Göring äußert die Ansicht, daß man nicht umhin kommen werde, "in ganz großem Maßstab in den Städten zu Ghettos zu kommen." - Heydrich meint dagegen: "Das Ghetto in der Form vollkommen abgesonderter Stadtteile, wo nur Juden sind, halte ich polizeilich nicht für durchführbar. Das Ghetto, wo der Jude sich mit dem gesamten Judenvolk versammelt, ist in polizeilicher Hinsicht unüberwachbar. Es bleibt der ewige Schlupfwinkel für Verbrechen und vor allen Dingen von Seuchen und ähnlichen Dingen. (...) Die Kontrolle der Juden durch das wachsame Auge der gesamten Bevölkerung ist besser, als wenn Sie die Juden zu Tausenden und aber Tausenden in einem Stadtteil haben, wo ich durch uniformierte Beamte eine Überwachung des täglichen Lebenslaufes nicht herbeiführen kann."

Göring: "Wenn das Deutsche Reich in irgendeiner absehbaren Zeit in außenpolitischen Konflikt kommt, so ist es selbstverständlich, daß auch wir in Deutschland in allererster Linie daran denken werden, eine große Abrechnung an den Juden zu vollziehen. Darüber hinaus wird der Führer jetzt endlich einen außenpolitischen Vorstoß machen zunächst bei den Mächten, die die Judenfrage aufgeworfen haben, um dann tatsächlich zur Lösung der Madagaskar-Frage zu kommen. Das hat er mir am 9. November auseinandergesetzt. Es geht nicht mehr anders. Er will auch den anderen Staaten sagen: 'Was redet ihr immer von den Juden? - Nehmt sie!' - Dann kann man noch einen Vorschlag machen: die reichen Juden können in Nordamerika, Kanada oder sonstwo ein großes Territorium für ihre Glaubensgenossen kaufen."

Die Konferenz stimmt mehreren Gesetzesverordnungen zu. Außerdem wird Juden generell der Besuch von Theatern, Kinos, Konzerten und sonstigen kulturellen Veranstaltungen verboten - soweit es sich nicht um exklusiv jüdische Veranstaltungen handelt. Weitere Beschränkungen und Aufenthaltsverbote betreffen Kurorte, Bäder und Waldgebiete. Die "Arisisierung" der Wirtschaft soll beschleunigt vorangetrieben werden. Die zuständigen Ressorts sollen die Möglichkeit prüfen, Juden zur Zwangsarbeit zu verpflichten. (ADAP, Serie D, Bd. V, Nr. 649; IMT, PS-1816)

Außenminister Ribbentrop verlangt einen Bericht über den Stand der deutsch-polnischen Verhandlungen über die Abschiebung polnischer Juden aus Deutschland, "um dem Führer beweisen zu können, daß die Einstellung der Massenabschiebungen auf Grund des rigorosen Vorgehens der Polen und vor allem auf Wunsch innerdeutscher Stellen (bitte Angaben welcher Stellen) erfolgt ist und daß es sich hier nicht um eine Schlappheit des Auswärtigen Amtes handelt, von der schon wieder einige Leute faseln, sondern um den Wunsch innerdeutscher Stellen (Gestapo selber)." (ADAP, Serie D, Bd. V, Nr. 97)

12.11.1938

Im Reichsgesetzblatt werden die Verordnungen "zum Schutz der deutschen Rasse" verkündet.Es handelt sich um:

  • a) Verordnung über eine "Sühneleistung" der Juden deutscher Staatsangehörigkeit. Ihnen wird "in ihrer Gesamtheit" eine Zahlung von einer Milliarde RM auferlegt. (RGBl I, S. 1579)
  • b) Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben.
  • § 1. Juden ist vom 1. Januar 1939 ab der Betrieb von Einzelhandelsverkaufstellen, Versandtgeschäften oder Bestellkontoren sowie der selbständige Betrieb eines Handwerks verboten. Ebenfalls ist ihnen verboten, auf Märkten, Messen oder Ausstellungen Waren oder gewerbliche Leistungen anzubieten, dafür zu werben oder Bestellungen anzunehmen.
  • § 2. Juden können ab 1. Januar 1939 nicht mehr Betriebsführer sein. Jüdischen Leitenden Angestellten kann mit einer Frist von sechs Wochen ohne Ansprüche auf Versorgungsbezüge und Abfindungen gekündigt werden.
  • § 3. Juden dürfen nicht Genossenschaftsmitglieder sein. Jüdische Mitglieder von Genossenschaften scheiden zum 31. Dezember 1938 aus.
  • § 4: Die zuständigen Reichsminister können Ausnahmen zulassen, "soweit diese infolge der Überführung eines jüdischen Gewerbebetriebes in nichtjüdischen Besitz, zur Liquidation jüdischer Geschäftsbetriebe oder in besonderen Fällen zur Sicherstellung des Bedarfes erforderlich sind." (RGBl I, S. 1580)
  • c) Verordnung zur Wiederherstellung des Straßenbildes bei jüdischen Gewerbetrieben.
  • § 1. "Alle Schäden, welche durch die Empörung des Volkes über die Hetze des internationalen Judentums gegen das nationalsozialistische Deutschland am 8., 9. und 10. November 1938 an jüdischen Gewerbebetrieben und Wohnungen entstanden sind, sind von dem jüdischen Inhaber oder jüdischen Gewerbetreibenden sofort zu beseitigen."
  • § 2. (1) Sie haben selbst die Kosten dafür zu tragen. (2) "Versicherungsansprüche von Juden deutscher Staatsangehörigkeit werden zugunsten des Reiches beschlagnahmt." (RGBl I, S. 1581)

Interview des Ministers Goebbels mit einem Sonderkorrespondenten der britischen Nachrichtenagentur Reuter

Für die nächste Zeit seien weitere antijüdische Maßnahmen zu erwarten. Ziel sei, die Juden aus dem wirtschaftlichen Leben zu entfernen, damit es nicht wieder Zusamenstöße gebe. Deutschland wolle die Juden durch die getroffenen Maßnahmen kulturell nicht vernichten; sie sollen ihre eigene Kultur pflegen. Die Regierung wolle eine reinliche Scheidung zwischen Deutschen und Juden.

Die Beantwortung der Frage, ob die neuen Maßnahmen das jüdische Problem in Deutschland endgültig lösen würden, hänge vom Judentum selbst ab: davon, ob die Juden die Stellung im öffentlichen Leben einzunehmen gewillt seien, die die Regierung ihnen zubilllige, nämlich die einer fremden Rasse, von der man wisse, daß sie dem deutschen Volk ablehnend gegenüberstehe. Versuchten die Juden wieder durch die Maschen der neuen Gesetze hindurchzuschlüpfen, so werde es weitere Gesetze geben.

Es bestehe keine  Absicht, die Juden in bestimmte Stadtviertel zusammenzudrängen, aber es seien natürlich Maßnahmen zu erwarten, um dem unmöglichen Zustand ein Ende zu machen, daß Judenfamilien mit zwei bis drei Personen 20 bis 30 Zimmer bewohnten, während angemessener Wohnraum für deutsche Volksgenossen noch fehle. Die Juden könnten ihre Geschäfte verkaufen, von ihren Renten leben oder sich nutzbringender Arbeit zuwenden. Würden die Juden jedoch weiterhin provozieren und die Lage verschärfen, müßte auch diese Tätigkeit eingeschränkt werden.

Deutschland sei nur daran interessiert, daß die Juden das Land verlassen. Es werde ihnen gestattet, einen gewissen Prozentsatz ihres Vermögens mitnehmen, aber nur im Rahmen des deutschen Devisenvorrats. Auf ausländisches Kapital und ausländische Unternehmen in Deutschland würden die Maßnahmen selbstverständlich nicht angewendet werden. (nach AdG, S. 3808)

Als amtliche Mitteilung verlautet: "Dr. Goebbels hat in seiner Eigenschaft als Präsident der Reichskulturkammer mit sofortiger Wirkung allen Theaterleitern, Konzert- und Vortragsveranstaltern, Filmtheaterunternehmern, artistischen Unternehmern, Veranstaltern von Tanzvorführungen und Veranstaltern öffentlicher Ausstellungen kultureller Art untersagt, jüdischen Personen den Besuch ihrer Unternehmen zu gestatten. Übertretungen ziehen für die Veranstalter und besonders für die Juden schwere Strafen nach sich." (AdG, S. 3806)

Der Chefs der Sicherheitspolizei, Heydrich, verbietet den  Wiederaufbau der zerstörten oder ausgebrannten Synagogen.

915 österreichische Juden werden in das KL Dachau eingeliefert. (Benz, Dimension, S. 88)

Der Wiener Polizeipräsident ordnet "zur Vermeidung der Tarnung jüdischer Geschäfte" an, daß Handelsgeschäfte und Gewerbebetriebe in jüdischem Besitz bis spätestens zum 15. November 1938 in der Weise zu kennzeichnen sind, daß neben dem Wortlaut der Firma, dem Namen des Inhabers oder der sonstigen Bezeichnung in gleich großen Schriftzeichen dieselben Worte in hebräischer Sprache anzubringen sind. (AdG, S. 3805)

Frankreich

Per Dekret wird angeordnet, daß eingebürgerten Juden bei "Unwürdigkeit" die Staatsbürgerschaft wieder aberkannt werden kann.

13.11.1938

Danzig

Der nationalsozialistische Gauleiter in der Freien Stadt Danzig, Forster, kündigt den Ausschluß der Juden aus der Wirtschaft an. Wie im Reich werde es auch in Danzig eine "Generalabrechnung mit den Juden" geben. Danzig sei kein Asyl für aus Berlin, Prag oder Warschau herausgeschmissene Juden. - Die Polizei verhaftet in den folgenden Tagen zahlreiche Juden.

Goebbels Tagebuch

"Ich gebe Weisung heraus, daß Juden Besuch von Kinos und Theatern verboten ist. Das war notwendig und zweckmäßig. Meine Erklärungen vor der Auslandspresse werden in der ganzen Welt groß herausgebracht. Sie fassen alle meine Argumente zusammen. Wir sind schon wieder in der Offensive. (...)
Heydrich gibt einen Bericht über die Aktionen. 190 Synagogen verbrannt und zerstört. Das hat gesessen. Konferenz bei Göring über die Judenfrage. Heiße Kämpfe um die Lösung. Ich vertrete einen radikalen Standpunkt. Funk ist etwas weich und nachgiebig. Ergebnis: die Juden bekommen eine Kontribution von einer Milliarde auferlegt. Sie werden in kürzester Frist gänzlich aus dem wirtschaftlichen Leben ausgeschieden. Sie können keine Geschäfte mehr betreiben. Bekommen dafür nur Schuldbuchverrechnungen zu 6%. Die Schäden müssen sie selbst decken. Versicherungsbezüge verfallen dem Staate. Noch eine ganze Reihe dieser Maßnahmen geplant. Jedenfalls wird jetzt tabula rasa gemacht. Ich arbeite großartig mit Göring zusammen. Er geht auch scharf heran. Die radikale Meinung hat gesiegt. Ich setze für die Öffentlichkeit ein sehr scharfes Communiqué auf. Das wirkt wie eine Erlösung. Die große Sensation des Tages. Der Tote kommt den Juden teuer zu stehen." (Fröhlich I, Bd. 3, S. 533)

14.11.1938

Einlieferung von 594 österreichischen Juden in das KL Dachau. (Benz, Dimension, S. 88)

Aufzeichnung Woermanns, Leiter der Politischen Abteilung im Auswärtigen Amt:

Der österreichische Minister für Wirtschaft, Arbeit und Finanzen, Fischböck, habe ihn aufgesucht und folgendes vorgebracht: In der Besprechung am 11. November habe Göring die Förderung der jüdischen Auswanderung verlangt und dabei auch eine Zusammenarbeit mit Treuhandorganisationen im Ausland ins Auge gefaßt. Heute habe er, Fischböck, aufgrund eines Auftrags von Göring eine Besprechung mit dem Reichswirtschaftsminister, dem Reichsfinanzminister und mit Staatssekretär Stuckart vom Reichministerium des Innern gehabt. Dabei sei erörtert worden, ob man das Gesprächsangebot Rublee's vom Evian-Komitee nicht doch annehmen solle. Alle Anwesenden hätten dies befürwortet.

Fischböck habe sich selbst als Gesprächspartner für Rublee vorgeschlagen, da er aufgrund seiner Wiener Erfahrungen ein Experte auf diesem Gebiet sei. Woermann empfiehlt Außenminister Ribbentrop, den Vorschlag  Fischböcks anzunehmen, vorbehaltlich der Billigung der befaßten Stellen, einschließlich der Gestapo. (ADAP, Serie D, Bd. V, Nr. 650)

Ribbentrop erklärte sich zwei Tage später mit einem Treffen zwischen Rublee und Fischböck einverstanden. Dieses sollte jedoch in privater Form und weder in Berlin noch in London stattfinden. (ADAP, Serie D, Bd. V, Nr. 650 Fußnote)

Anordnung Heydrichs an alle Staatspolizei(leit)stellen und an die Kommandanten der Konzentrationslager

"1.) Juden, welche bereits im Besitz der erforderlichen Ausreisepapiere sind und in den nächsten 3 Wochen auswandern können, sind, sofern nicht besondere politische oder wirtschaftliche Gründe dem entgegenstehen, so rechtzeitig zu entlassen, daß sie ihren Auswanderungstermin einhalten können.
2.) Weiter können Juden, die zur Durchführung der Arisierung ihres Betriebes oder Geschäftes unbedingt benötigt werden, kurzfristig aus der Schutzhaft beurlaubt werden. Es sind jedoch nur solche Fälle zu berücksichtigen, die besonders dringlich erscheinen. - Die Durchführung der Arisierung ist allerdings zunächst kein Grund, von der etwa noch beabsichtigten Inschutzhaftnahme der Juden abzusehen." (BA, R 58/276, Bl. 142)

Reichserziehungsminister Rust ordnet an, Juden die Teilnahme an Vorlesungen und Übungen sowie das Betreten der Hochschulen generell zu untersagen. Die Rassentrennung im Schulwesen sei zwar in den letzten Jahren im allgemeinen bereits durchgeführt worden, doch sei ein Restbestand jüdischer Schüler übriggeblieben, dem jetzt der gemeinsame Schulbesuch mit deutschen Kindern mit sofortiger Wirkung verboten wird. "Nach der ruchlosen Mordtat von Paris kann es keinem deutschen Lehrer und keiner deutschen Lehrerin mehr zugemutet werden, an jüdische Schulkinder Unterricht zu erteilen. Auch versteht es sich von selbst, daß es für deutsche Schüler und Schülerinnen unerträglich ist, mit Juden in einem Klassenraum zu sitzen." (AdG, S. 3807-3808)

Goebbels Tagebuch

"Die neuen Judengesetze beherrschen vollkommen Presse und öffentliche Meinung. Das deutsche Volk ist ganz damit einverstanden. Das Ausland registriert vorläufig nur. Die schäumenden Kommentare werden gewiß noch nachgeliefert. Die deutsche Presse leistet prachtvolle Hilfestellung. Sie weiß, worum es geht. Mittags esse ich mit den W.H.W. (Winterhilfswerk) Helfern im Wedding Eintopf. Eine tolle Stimmung. Ich spreche über die Judenfrage. Erläutere die neuen Gesetze. Knüpfe daran eine sehr ernste Mahnung zur Ruhe und gegen weitere Aktionen, die nun nur noch das deutsche Volksvermögen schädigen können. Alles wird mit größtem Verständnis aufgenommen." (Fröhlich I, Bd. 3, S. 534)

USA

Telegramm des deutschen Botschafters in Washington, Dieckhoff, an das Auswärtige Amt:

"Augenblicklich tobt hier ein Orkan, der eine ruhige Arbeit unmöglich macht", doch glaube er, daß dieser in absehbarer Zeit nachlassen werde. Ein großer Teil der amerikanischen Presse habe schon lange Deutschland "in gehässigster und übelster Weise angegriffen", und diese "Hetze" habe "ziemlich weite Kreise erfaßt". "Bis zum 10. November hatten sich aber noch sehr große und starke Schichten des amerikanischen Volkes teils aus Indifferenz gegenüber europäischen Dingen, teils aus Skepsis gegenüber den Zeitungen, teils aus Sympathie für das Dritte Reich, in dem sie einen Hort der Ordnung und ein Bollwerk gegen die Ausschreitungen und gegen die ungesetzlichen Eingriffe in das Privateigentum erblickten, von dieser Hetze freigehalten. Das ist heute nicht mehr so. Es gibt zwar sicher noch weite Kreise, die indifferent sind, und es gibt sicher noch viele einzelne Persönlichkeiten, die die Ruhe bewahren, aber soweit eine öffentliche Meinung zum Ausdruck kommt, spricht sie sich ausnahmslos erregt und erbittert gegen Deutschland aus. Dabei handelt es sich hier nicht etwa nur um Juden, sondern der Aufschrei kommt aus allen Lagern und Schichten in gleicher Stärke einschließlich dem Lager der Deutschamerikaner. Was mir besonders auffällt, ist, daß mit wenig Ausnahmen die anständigen nationalen Kreise, die durchaus antikommunistisch und zum großen Teil antisemitisch eingestellt sind, anfangen sich von uns abzuwenden."

"Gerade die Rückwirkung auf England, wo den Zeitungen zufolge eine ähnliche Erregung herrscht wie hier und wo, wenn die Presse richtig berichtet, die nationalen für Deutschland bisher Verständnis zeigenden Kreise ebenso verstimmt sind wie in den Vereinigten Staaten, wird hier sehr beachtet; unser bisheriges gegenüber der amerikanischen Hetze und Friedens-Sabotage vorgebrachtes Argument, daß die Europäer seit München im Begriff seien, gemeinschaftlich ein neues friedliches Europa aufzubauen, wird ad absurdum geführt oder mindestens stark entwertet.
In dieser allgemeinen Haßstimmung hat auch der Gedanke des Boykotts gegen deutsche Waren wieder neuen Auftrieb erhalten, und an wirtschaftliche Verhandlungen ist augenblicklich nicht zu denken."
(ADAP, Serie D, Bd. V, Nr. 501)

15.11.1938

Einlieferung von 1.021 österreichischen Juden in das KL Dachau. (Benz, Dimension, S. 88)

Erlaß des Reichslandwirtschaftsministers

Die Genehmigung von Rechtsgeschäften, durch die land- und forstwirtschaftliche Grundstücke, die bisher in jüdischer Hand waren, veräußert werden, ist bis zum Erlaß einer weiteren Anordnung zurückzustellen. (Walk, S. 256)

Danzig

Eine Verordnung vom 2. November wird veröffentlicht, die Juden vom Beamtentum ausschließt. (ADAP, Serie D, Bd. V, Nr. 672 Fußnote)

USA

Telegramm von Botschafter Dieckhoff, Washington, an Staatssekretär von Weizsäcker, Ausw. Amt:

"Daß die Presse noch übler ist als bisher (soweit das möglich ist), ist nicht verwunderlich. Aber sehr bedauerlich ist, daß nun auch die ruhigen und anständigen Kreise eine ablehnende Haltung einnehmen. (...) Am bedauerlichsten scheint mir zu sein, daß offenbar die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und England infolge dieser Vorkommnisse auf vermehrte Hindernisse stößt, was ja - wie ich immer berichtet habe - sofort hier bemerkt wird und die hiesige Stimmung verdirbt. Die guten Ansätze für einen allmählich immer breiter werdenden Antisemitismus haben durch die Grünspan-Vorkommnisse einen bösen Rückschlag erlitten; selbst die schärfsten Antisemiten hier im Lande legen Wert darauf, sich von derartigen Methoden zu distanzieren." (ADAP, Serie D, Bd. V, Nr. 502)