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Juli 1940

Generalgouvernement

Die Regierung des Generalgouvernement gibt in einem Bericht die jüdische Bevölkerung des GG mit 1,6 Millionen an. Frühere Berechnungen seien von 1,3 Mio. ausgegangen, die sich wie folgt verteiltten: Im Distrikt Krakau 200.000 (5,3% der Bevölkerung); Distrikt Radom 310.000 (10,4%); Distrikt Warschau 540.000 (17,4%); Distrikt Lublin 250.000 (9,6%).

Bulgarien

Nach einem Besuch des "Judenkommissars" Belev in Deutschland kündigt Innenminister Gabrovski die Vorlage eines "Gesetzes zum Schutz der Nation" an. Es sieht die Registrierung aller Juden sowie wirtschaftliche und politische Restriktionen vor. Ausgenommen werden sollen Juden, die zum Christentum übergetreten, mit Bulgaren verheiratet oder im Militärdienst sind. Der Entwurf löst heftige Debatten und Proteste aus, wird aber im Dezember 1940 im Parlament mit geringfügigen Änderungen angenommen.

03.07.1940

Eichmann hat die örtlichen Vertreter der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland sowie der jüdischen Gemeinden Wiens und Prags zu sich bestellt. Er fordert sie auf, ihm innerhalb von 48 Stunden einen Plan vorzulegen, wie alle Juden aus dem Reich zu entfernen seien.

Im Gespräch mit den jüdischen Vertretern führt Eichmann aus: "Nach Beendigung des Krieges werde (...) voraussichtlich eine Gesamtlösung der europäischen Judenfrage angestrebt werden müssen. Es werde sich hierbei um etwa 4 Millionen Juden in den in Betracht kommenden europäischen Staaten handeln. Die Einzelauswanderung werde für deren Ansiedlung nicht ausreichend sein."

Eichmann fragt, "ob bereits nach dieser Richtung Erwägungen oder Pläne erörtert worden seien". Als diese Frage verneint wird, fordert Eichmann die jüdischen Vertreter auf, "die allgemeinen Gesichtspunkte, die bei einem solchen Plan zu berücksichtigen wären, in einer kurzen Niederschrift zusammenzufassen" und diese bis zum Nachmittag des folgenden Tages bei ihm abzuliefern. (Adler, S. 80-81; IMT, PS-3934)

Aufzeichnung des Legationssekretärs Rademacher (Abt. Deutschland)

Die Judenfrage im Friedensvertrage.

"Der bevorstehende Sieg gibt Deutschland die Möglichkeit und meines Erachtens auch die Pflicht, die Judenfrage in Europa zu lösen. Die wünschenswerte Lösung ist: Alle Juden aus Europa."

(...) "Wegen der Aufnahme der Vorarbeiten ist das Referat D III über die Abteilung Deutschland bereits mit Vorschlägen an den Herrn Reichsaußenminister herangetreten und hat von ihm den Auftrag erhalten, diese Vorarbeiten unverzüglich in die Wege zu leiten. Besprechungen mit der Dienststelle des Reichsführers SS des Innenministeriums und einigen Parteidienststellen haben bereits stattgefunden. Diese Dienststellen billigen folgenden Plan des Referats D III:

Referat D III regt als Lösung der Judenfrage an: Frankreich muß im Friedensvertrag die Insel Madagaskar (...) zur Verfügung stellen und seine rund 25.000 dort ansässigen Franzosen aussiedeln und entschädigen. Die Insel wird Deutschland als Mandat übertragen."

Deutschland erhält Landesteile als Marine- und Luftstützpunkte "aus dem Judenterritorium herausgeschnitten".

"Der nicht militärisch erforderliche Teil der Insel wird unter die Verwaltung eines deutschen Polizeigouverneurs gestellt, der der Verwaltung des Reichsführers SS untersteht.

In diesem Territorium bekommen die Juden im übrigen Selbstverwaltung: eigene Bürgermeister, eigene Polizei, eigene Post- und Bahnverwaltung usw. Für den Wert der Insel haften die Juden als Gesamtschuldner. Zu diesem Zweck wird ihr bisherigen europäisches Vermögen einer zu gründenden europäischen Bank übertragen. (...)

Da Madagaskar nur Mandat wird, erwerben die dort ansässigen Juden nicht die deutsche Staatsangehörigkeit. Allen nach Madagaskar deportierten Juden wird dagegen vom Zeitpunkt der Deportation ab von den einzelnen europäischen Ländern die Staatsangehörigkeit dieser Länder aberkannt. Sie werden dafür Angehörige des Mandats Madagaskar.

Diese Regelung vermeidet, daß sich die Juden etwa in Palästina einen eigenen Vatikanstaat gründen und damit den symbolischen Wert, den Jerusalem für den christlichen und mohamedanischen Teil der Welt hat, für ihre Ziele einspannen können. Außerdem bleiben die Juden als Faustpfand in deutscher Hand für ein zukünftiges Wohlverhalten ihrer Rassegenossen in Amerika.

Propagandistisch kann man die Großmut verwerten, die Deutschland durch Gewährung der kulturellen, wirtschaftlichen, verwaltungs- und justizmäßigen Selbstverwaltung an den Juden übt, und dabei betonen, daß unser deutsches Verantwortungsbewußtsein der Welt gegenüber verbiete, einer Rasse, die Jahrtausende keine staatliche Selbständigkeit gehabt hat, sofort einen unabhängigen Staat zu schenken; dafür bedürfe es noch einer geschichtlichen Bewährung."
(ADAP, Serie D, Bd. X, Nr.101)

04.07.1940

Anordnung des Polizeipräsidenten von Berlin

Für den Einkauf von Lebensmitteln durch Juden wird in Berlin die Stunde von 4.00 bis 5.00 Uhr nachmittags festgesetzt. (Walk, S. 324)

10.07.1940

Generalgouvernement

Besprechung zwischen Frank und Polizeichef Krüger.

Krüger berichtet über die neuen Projekte aus dem Reich zur "Judenfrage". "Danach werden künftig derartige Judenaussiedlungen aus dem Reich ins Generalgouvernement nicht mehr stattfinden. Auch die bereits vorgesehenen, im August beginnen sollenden Ausweisungen von Juden aus dem GG werden nicht mehr durchgeführt, da alle Juden einschließlich derjenigen des GG nach den Kolonien Afrikas überführt werden sollen, die die französische Regierung zu diesem Zweck an das Deutsche Reich ausliefern muß." (Präg, S. 247-248)

Rumänien

Der Ministerrat beschließt, sämtliche Juden aus dem öffentlichen Dienst zu entfernen.

12.07.1940

Generalgouvernement

Abteilungsleitersitzung.

Frank berichtet über eine Besprechung mit Hitler am 8. Juli. "Sehr wichtig ist auch die Entscheidung des Führers, die er auf meinen Antrag hin gefällt hat, daß keine Judentransporte ins Generalgouvernement mehr stattfinden. Allgemein politisch möchte ich dazu sagen, daß geplant ist, die ganze Judensippschaft im Deutschen Reich, im GG und im Protektorat in denkbar kürzester Zeit nach Friedensschluß in eine afrikanische oder amerikanische Kolonie zu transportieren. Man denkt an Madagaskar, das zu diesem Zweck von Frankreich abgetreten werden soll. (...) Ich habe mich bemüht, auch die Juden des GG dieses Vorteils teilhaftig werden zu lassen, sich auf neuem Boden ein neues Leben aufzubauen. Das wurde akzeptiert, so daß in absehbarer Zeit auch hier eine kolossale Entlastung gegeben sein wird." (Präg, S. 251ff; IMT, PS-2233)

16.07.1940

Frankreich

Entsprechend dem Beschluß der zuständigen Gauleitung, alle Juden aus dem annektierten Elsaß-Lothringen abzuschieben, werden in Colmar die Juden zusammengetrieben und über die Demarkationslinie gebracht.

18.07.1940

Frankreich

Von einigen Ausnahmen abgesehen darf niemand mehr ein öffentliches Amt innehaben, dessen Vater nicht Franzose war.

19.07.1940

Mitarbeiterbesprechung im Propagandaministerium

"Der Minister (Goebbels) gibt (...) seinen Entschluß kund, sofort nach Kriegsende sämtliche 62.000 in Berlin noch lebenden Juden innerhalb eines Zeitraumes von höchstens acht Wochen nach Polen schaffen zu lassen; solange die Juden in Berlin lebten, würde die Stimmung im Westen der Stadt stets durch sie beeinflußt bleiben. Herr Hinkel berichtet über den mit der Polizei bereits ausgearbeiteten Räumungsplan (...). Er soll vor allem dafür sorgen, daß Berlin an erster Stelle gesäubert wird (...). Erst nach Berlin sollen dann die anderen Judenstädte (Breslau usw.) an die Reihe kommen." (Boelcke I, S. 431)

Erlaß des Reichspostministers

Juden dürfen kein Telefon mehr haben; bis zum 30. September sind ihre Anschlüsse zu kündigen. Ausnahmen gelten für Konsulten, Krankenbehandler, Personen in privilegierten Mischehen sowie für jüdische Organisationen. (Walk, S. 325)

20.07.1940

Goebbels Tagebuch

"Mittags beim Führer (...). Wir besprechen noch vielerlei: daß man Gewohnheitsverbrecher vor dem Verbrechen und nicht danach unschädlich machen soll. Daß das unsere Juristen niemals verstehen werden. Daß die Juden auch dazu gehören und man mit ihnen kurzen Prozeß machen muß. Sie wirken sich sonst immer als Spaltpilze aus." (Fröhlich, I.4, S. 246)

22.07.1940

Frankreich

Gesetz über die Revision der Naturalisierung. Allen Personen, die erst nach 1927 die französische Staatsbürgerschaft erhalten haben, kann sie auf dem Verordnungsweg wieder entzogen werden.

23.07.1940

Der Reichswirtschaftsministers ordnet an, daß die "Arisierung" jüdischer Gewerbebetriebe bis zum Jahresende abgeschlossen werden soll. (Walk, S. 325)

25.07.1940

Generalgouvernement

Ansprache Franks vor Beamten und Angestellten des Distrikts Lublin.

"Der Führer hat weiter verfügt, daß Juden in das Generalgouvernement nicht mehr hereintransportiert werden. Im Gegenteil, auch die Juden, die im GG wohnen, werden sämtlich auf Grund eines besonderen Programms einheitlich behandelt, sodaß auch das GG in absehbarer Zeit judenfrei wird. Sobald der Überseeverkehr die Möglichkeit des Abtransportes der Juden zuläßt (Heiterkeit), werden die Juden Stück um Stück, Mann um Mann, Frau um Frau, Fräulein um Fräulein, abtransportiert werden. Ich nehme an, daß ich sie darum nicht zu sehr zu beklagen brauche (Heiterkeit). Ich glaube also, daß wir, wie man so sagt, durch den dicksten Dreck hindurch sind, und daß es nunmehr möglich ist, hier wirklich eine anständige, dienstliche, berufliche und auch menschliche Stadt für deutsche Volksgenossinnen und Volksgenossen zu errichten. (...) Dieser Raum wird in den kommenden Jahrzehnten in zunehmendem Maße mit Angehörigen des deutschen Volkes durchsetzt werden." (Präg, S. 258; IMT, PS-2233)

27.07.1940

Generalgouvernement

Unter dem Decknamen "Otto-Programm" läuft im Zuge der Angriffsvorbereitungen gegen die UdSSR ein Programm zum Ausbau von Straßen und Eisenbahnlinien an. (Präg, S. 277)

28.07.1940

Slowakei

Hitler trifft in Salzburg mit der slowakischen Führung zusammen und fordert ein radikaleres Vorgehen in der "Judenfrage". Infolge dieses Treffens wird in der Slowakei eine umfassende antijüdische Gesetzgebung entwickelt. Anfang September 1940 wird Dieter Wisliceny vom RSHA als Berater für jüdische Angelegenheiten in die Slowakei geschickt.

31.07.1940

Generalgouvernement/Wartheland

Besprechung zwischen Generalgouverneur Frank und dem Gauleiter des Warthelands, Greiser.

Greiser: "Er halte zunächst eine Erörterung des Judenproblems für erforderlich. Hier hätten sich ja die Dinge insofern inzwischen etwas geändert, als man jetzt in der Frage der Judenevakuierung eine andere Stellung eingenommen habe. Er habe auf Grund einer Unterredung mit dem Reichsführer SS feststellen können, daß nunmehr die Absicht bestehe, die Juden über See in bestimmte Gebiete abzuschieben. Er habe in dieser Besprechung erklärt, daß er sich einer solchen Entscheidung selbstverständlich fügen müsse und werde, daß aber das Judenproblem, soweit es seinen Gau interessiere, irgendwie noch vor dem Winter geklärt werden müsse. Das hänge natürlich von der Dauer des Krieges ab. Sollte der Krieg noch länger dauern, dann werde man eine Zwischenlösung finden müssen. (...)

Reichsstatthalter Greiser geht dann auf das Judenproblem des näheren ein und hebt dabei hervor, daß man in Litzmannstadt (Lodz) und Umgebung eine gewisse Massierung von Juden festzustellen habe. In Litzmannstadt selber habe man die Juden in ein Ghetto gebracht. Die Aktion sei an sich abgeschlossen, habe aber lediglich provisorischen Charakter. In diesem Ghetto befänden sich ungefähr 250.000 Juden. (Tatsächlich nach amtlicher Zählung nur 160.-170.000) Diese 250.000 Juden, deren Zahl sich vielleicht auf 260.000 erhöhen werde, müßten einmal den Warthegau verlassen. Es sei vorgesehen gewesen, sie in einer zweckmäßigen Form in das GG zu transportieren, und man habe die Form dieser Übernahme heute gleichfalls klären wollen. Inzwischen sei nun die neue Entscheidung gekommen, und er lege größten Wert darauf, daß die Möglichkeit der Übernahme geklärt werde, weil es für den Warthegau sowohl aus ernährungspolitischen wie insbesondere auch aus seuchenpolizeilichen Gründen ein unmöglicher Zustand wäre, diese im Ghetto zusammengepferchten Juden noch über den Winter hinaus zu behalten. Man müsse deshalb unter allen Umständen eine Zwischenlösung finden, die die Möglichkeit biete, diese Juden in ein anderes Gebiet abzuschieben."

Der SS- und Polizeichef des Warthegaues, Köppe, weist darauf hin, "daß die Lage der Juden im Warthegau von Tag zu Tag schlimmer werde. Das Ghetto in Litzmannstadt sei eigentlich auch nur unter der Voraussetzung eingerichtet worden, daß die Abschiebung der Juden spätestens Mitte dieses Jahres beginnen werde."

Frank wendet ein, daß die "Eindeutschung" von Lodz vielleicht noch 15 Jahre dauern könne. "Er müsse mit allem Nachdruck darauf hinweisen, daß sich das GG auch in der Judenfrage zweifellos in einer viel schwierigeren Lage befinde als der Warthegau."

Greiser zieht als Fazit, daß das Generalgouvernement offenbar nicht in der Lage sei, die 250.000 Juden aus Lodz auch nur vorübergehend aufzunehmen. Frank bestätigt; die Situation fange an, für beide Gebiete katastrophal zu werden. "Deshalb müsse die Frage auch einer grundsätzlichen Entscheidung zugeführt werden." - Wenn das GG diese Menschenmassen aufnehmen soll, "dann müßte eben vollkommen auf Rechnung des Reiches für die notwendige Ernährung gesorgt werden." (Präg, S. 261 ff)