CHRONOLOGIE des HOLOCAUST

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08.01.1941

Generalgouvernement

Besprechung im Reichssicherheitshauptamt in Berlin über den sog. 3. Nahplan.

Heydrich drängt darauf, die polnische und jüdische Bevölkerung der eingegliederten Ostgebiete (ehem. polnische Westgebiete, vor allem Wartheland und Ostoberschlesien) möglichst schnell in das Generalgouvernement "umzusiedeln", da zur gleichen Zeit mehr als 400.000 "Volksdeutsche" aus Osteuropa in den neuen Ostgebieten angesiedelt werden sollen.

Als Ergebnis wird festgehalten:

  1. Das Generalgouvernement  verhandelt über Fragen der "Umsiedlung" nur mit dem RSHA, das seinerseits Verbindung mit sämtlichen beteiligten Stellen im Reich hält.
  2. Im ganzen Jahr 1941 sollen 831.000 Menschen aus den annektierten ehem. polnischen Westgebieten ins GG abgeschoben werden. (Davon im Rahmen des sog. 3. Nahplans bis zum 1. Mai 248.000 Menschen). In dieser Zahl enthalten sind 60.000 Wiener Juden, die ("beschleunigt, also noch während des Krieges, wegen der in Wien herrschenden Wohnungsnot") ins GG deportiert werden sollen. Außerdem sollen rund 200.000 Menschen innerhalb des GG zwangsweise umgesiedelt werden, um Platz für Wehrmachtszwecke zu schaffen.

Die Vertreter des GG erheben gegen die geplanten Umsiedlungen grundsätzlichen keinen Einwand, nachdem "auf Grund der allgemeinen Führerrichtlinie" die massenhafte Aufnahme von "unerwünschten" Menschen aus dem Reich als "vordringlichste Aufgabe" des GG für 1941 definiert wurde.

Auf Grund der Erfahrungen des Vorjahres betonen die Vertreter der GG jedoch, "daß die bisher geplante Form der Umsiedlung für das GG nicht tragbar sei. Es müsse Wert darauf gelegt werden, daß vor allem die umzusiedelnden Familien einigermaßen zureichend gekleidet und für die erste Zeit mit Nahrungsmitteln versehen seien." (Präg, S. 327-328; IMT, PS-2233)    

Der 3. Nahplan betraf insgesamt nur relativ wenig Juden, weil die deutschen Behörden die meisten bereits enteignet und ghettoisiert hatten; ihr Abtransport konnte also weder geeignete Wohnungen noch Arbeitsplätze für Volksdeutsche freimachen. - Die Planungsziele wurden bei weitem nicht erreicht. (Aly, Endlösung, S. 202-203 und S. 255-256)

10.01.1941

Niederlande

Auf deutsche Anordnung wird eine Meldepflicht für alle im Land ansässigen Juden eingeführt. 159.806 Personen werden erfaßt.

11.01.1941

Generalgouvernement

Besprechung Franks mit Polizei/SD-Chef Krüger über die "Einsiedlung" von etwa 800.000 Polen und Juden ins GG.

Krüger verneint Franks Frage, ob die notwendigen Voraussetzungen hinsichtlich Ernährung und Bekleidung der Abgeschobenen von Seiten des Reiches erfüllt werden würden. Frank erklärt, damit werde das GG "vor neue schwierige Probleme gestellt werden. An sich brauche aber die Lage vorläufig nicht als katastrophal angesehen zu werden, vor allem dann, wenn das Reich auf die dem GG dadurch entstehenden Schwierigkeiten entsprechend Rücksicht nehme." (Präg, S. 318-319)

13.01.1941

Generalgouvernement

Besprechung Franks mit dem Direktor des Instituts für Deutsche Ostarbeit, Dr. Coblitz, und dessen Referenten.

Frank führt aus: "Es sei selbstverständlich, daß Gebiete wie Oberschlesien, Warthegau, Südostpreußen und Danzig das Problem einer fremden Volksschicht spüren. Gelöst sei dieses Problem jedoch nirgends. Der Vorschlag, es dadurch zu lösen, daß man die fremdvölkischen Individuen wegtransportiere, sei im vollen Umfang nicht durchführbar. Das Generalgouvernement mit seinen nicht ganz 100.000 qkm sei nicht imstande, 6-7 Millionen Polen aus dem deutschen Reichsgebiet aufzunehmen. Es handle sich schon bei dem Hereintransport von 800.000 Polen, wie er jetzt beabsichtigt sei, um ein unter ungeheuersten Schwierigkeiten in Gang zu setzendes Unternehmen, dessen Ausgang man heute noch nicht kennt." (IMT, 2233-PS; Präg S. 321ff.)

Generalgouvernement

Stellungnahme der Abteilungen Innere Verwaltung und Raumordnung des GG zu der Besprechung, die am 8. Januar im RSHA stattfand.

  1. Eine Erfassung und Kontrolle der "hereinströmenden Menschenmassen" sei nicht zu gewährleisten. Schon jetzt werde gemeldet, daß mehrere zehntausend zwangsweise Umgesiedelte illegal in den Warthegau zurückgekehrt seien.
  2. "Zur Vermeidung von Katastrophen, die unter allen Umständen gegen die Interessen des Reiches ausschlagen würden", müßten die Kreis- und Stadthauptleute für die Unterbringung der in ihren Bezirk kommenden Evakuierten sorgen. Das könne mangels zusätzlichen Wohnraums hauptsächlich nur in der Form erfolgen, daß die neu Ankommenden "verteilt werden auf die allerdings schon überbelegten Quartiere der ansässigen Familien".
  3. Die "notwendigste" Verpflegung für die neu Eintreffenden muß "unter allen Umständen" sichergestellt werden.
  4. "Die arbeitsfähigen Evakuierten müssen sofort an die Arbeit gebracht werden." - "Die lediglich zwecks Beschäftigung der Evakuierten durchgeführten Arbeitsvorhaben, deren produktiver Wert in vielen Fällen zweifelhaft ist, können nicht im wesentlichen aus Mitteln des GG oder der Gemeinden und Gemeindeverbände bestritten werden. Die Hilfe des Reiches hierfür muß angestrebt werden." (IMT, 2233-PS; Präg, S. 321ff)

15.01.1941

Generalgouvernement

"Judentransport" aus Wien in den Distrikt Lublin mit 1.034 Menschen.

Insgesamt kamen im Generalgouvernement im Februar und März 1941 rund 7.000 Juden aus Österreich an. Die Deportation der Wiener Juden ins GG war von Hitler Anfang Dezember 1940 angeordnet worden.

Generalgouvernement

Sondersitzung in Krakau betr. "Einsiedlung" von Polen und Juden aus den annektierten polnischen Westgebieten in das GG.

Frank erklärt: "In einem Zeitpunkt, in dem das GG unter den ungewöhnlichsten und schwierigsten wirtschaftlichen, transportmäßigen, allgemein politischen und wehrmäßigen Bedingungen sein Leben friste, stelle es eine kaum erträgliche Mehrbelastung da, Hunderttausende eines fremdvölkischen und fremdrassigen Bereiches in das Gebiet des GG aufzunehmen. Diese Menschen werden in Deutschland enteignet und kommen als Enteignete hierher, in ein Gebiet, in dem sie an sich keinerlei Chance sehen können, ihr Leben irgendwie neu aufzubauen."
Hitler habe ihm am 4. November und bei einer späteren Besprechung im Dezember gesagt, "daß die Poleneinsiedlung in das GG in seiner Politik liege und daß die zur Durchführung dieser Einsiedlung notwendigen Maßnahmen noch während des Krieges ergriffen werden müssen, weil sie nach dem Kriege mit internationalen Schwierigkeiten verbunden wären." - Zugleich habe ihm Hitler aber versichert, daß das GG das, was es an Nahrungsmitteln und sonstiger Unterstützung brauche, erhalten werden.

Polizei- und SD-Chef Krüger berichtet über die Besprechung im RSHA am 8. Januar: "Insgesamt komme man auf eine Bewegung von einer Million Menschen innerhalb eines Jahres. Praktisch bedeute das zwei Züge täglich mit je 1.000 Personen. Bei der Besprechung im RSHA sei von allen Seiten gefragt worden, ob das Reichsverkehrsministerium diesen Anforderungen entsprechen könne." Der Vertreters des Ministerium habe dies in Aussicht gestellt, "vorausgesetzt, daß nicht durch irgendwelche Sonderwünsche der Wehrmacht irgendeine Störung eintrete."

"Im Einzelnen sei festgelegt worden, daß bis zum 1. Mai dieses Jahres auszusiedeln sind: aus Ostpreußen 30.000, aus Schlesien 24.000, aus Danzig-Westpreußen 40.000, aus dem Warthegau 90.000, insgesamt also 184.000 Menschen. Im Rahmen der Evakuierung der Truppenplätze für die Wehrmacht seien auszusiedeln aus Ostpreußen 8.500, aus Schlesien 10.000, aus Danzig-Westpreußen 27.000, aus dem Warthegau 19.000, insgesamt 64.500."

"Staatssekretär Dr. Bühler erklärt, daß er es für unmöglich halte, eine Millionen Menschen in der beabsichtigten Weise auf das Gebiet des GG aufzuteilen. Die Belastung in sicherheitsmäßiger, seuchenpolizeilicher und ernährungspolitischer Beziehung sei derart groß, daß man auf die Dauer ohne Unruhen nicht auskommen werde. Er schlage vor, große Arbeitsvorhaben anzusetzen und die Evakuierten in Arbeitslagern unterzubringen. (...)
Präsident Westerkamp erwähnt zur Frage der Unterbringung noch, daß man sich mit dem Gedanken trage, den nötigen Platz dadurch freizumachen, daß man die Juden enger zusammentreibe in Ghettos.
Präsident Westerkamp bemerkt, daß ihn der Amtschef des Distrikts Warschau mit großem Ernst auf die Verhältnisse im Ghetto von Warschau hingewiesen habe. Die Nachrichten über die Zustände im Ghetto seien allerdings insofern widersprechend, daß von der einen Seite behauptet werde, es habe jegliche Lebensmittelzufuhr aufgehört, während nach anderen Meldungen noch genügend Lebensmittel vorhanden sein sollen."

Generalgouverneur Frank will die Entscheidung, ob das Warschauer Ghetto beibehalten oder aufgelöst werden soll, von dem Ergebnis seiner demnächst dort stattfindenden Besichtigung abhängig machen. "Auf keinen Fall könne er es zulassen, daß eine Stadt wie Warschau völlig verpestet werde." (IMT, 2233-PS; Präg, S. 326-328)