CHRONOLOGIE des HOLOCAUST

Funktionen für die Darstellung

Schriftgröße:
Darstellung:

Seitenpfad

Mitte März bis Mitte April 1942

Generalgouvernement

In den Gaskammern des Vernichtungslagers Belzec werden etwa 80.000 Menschen ermordet: 30.000 Juden aus dem Ghetto von Lublin, 15.000 aus Llow/Lemberg und 35.000 aus anderen Ghettos im Distrikt Lublin und Ostgalizien sowie aus dem Deutschen Reich.
Zwischen Mitte April und Mitte Mai 1942 fanden aus technischen Gründen keine Transporte nach Belzec statt. (EdH, S. 178-179)

März und April 1942

Fast 1.700 Juden aus Berlin werden in drei Sonderzügen in das Lager Trawniki (Distrikt Lublin) deportiert. (Benz, Dimension, S. 49)

01.03.1942

Generalgouvernement

Baubeginn des Vernichtungslagers Sobibor, im Ostteil der Bezirks Lublin.

Sobibor hatte eine Fläche von 400 mal 600 Meter und wurde nach dem Vorbild des schon im März 1942 "in Betrieb genommenen" Lagers Belzec angelegt. Kurz vor der Fertigstellung von Sobibor Mitte April 1940 wurden zur Erprobung der Gaskammern 250 jüdische Menschen, meist Frauen aus einem nahegelegenen Arbeitslager, ermordet.

Die erste Phase der Mordtransporte dauerte von Anfang Mai bis Ende Juli 1942; nach einer Unterbrechung wurden sie Anfang Oktober 1942 wieder aufgenommen. Am 5. Juli 1943 ordnete Himmler die Umwandlung Sobibors von einem Vernichtungslager in ein Konzentrationslager an; zur Ausführung kam dieses Vorhaben jedoch nicht mehr. Nach einer Gefangenenrevolte Mitte Oktober 1943 wurde Sobibor aufgelöst und alle Spuren des Lagers beseitigt.

Insgesamt wurden in Sobibor annähernd 250.000 jüdische Menschen ermordet. Davon ungefähr 150.000 aus dem Generalgouvernement, 25.000 aus Slowakien, 4.000 aus Frankreich, 35.000 aus den Niederlanden sowie (in der zweiten Septemberhälfte 1943) 14.000 aus den Ghettos von Wilna, Minsk und Lida im Reichskommissariat Ostland. (EdH, S. 1330ff)

Erlaß Hitlers

"Juden, Freimaurer und mit ihnen verbündeten weltanschaulichen  Gegner des Nationalsozialismus sind die Urheber des jetzigen gegen das Reich gerichteten Krieges. Die planmäßige geistige Bekämpfung dieser Mächte ist eine kriegsnotwendige Aufgabe. Ich habe daher den Reichsleiter Alfred Rosenberg beauftragt, diese Aufgabe im Einvernehmen mit dem Chef des OKW durchzuführen. Sein Einsatzstab für die besetzten Gebiete hat das Recht, Bibliotheken, Archive, Logen und sonstige weltanschauliche und kulturelle Einrichtungen aller Art nach entsprechendem Material zu durchforschen und dieses für die weltanschaulichen Aufgaben der NSDAP und die späteren wissenschaftlichen Forschungsarbeiten der Hohen Schule beschlagnahmen zu lassen. Der gleichen Regelung unterliegen Kulturgüter, die im Besitz oder Eigentum von Juden, herrenlos oder nicht einwandfrei zu klärender Herkunft sind." (IMT, PS-1015-k und PS-149)

02.03.1942

RK Ostland

Die SS ermordet über 5.000 Juden aus Minsk (Weißrußland), als diese von ihren Arbeitsplätzen außerhalb des Ghettos zurückkehren. Auch Kinder aus dem Waisenhaus des Ghettos werden ermordet. (EdH, S. 951)

03.03.1942

Erlaß des Reichsinnenministers

Die Bearbeitung der Gesuche jüdischer Mischlinge auf Erteilung der Genehmigung zur Eheschließung wird für die Dauer des Krieges eingestellt. (Walk, S. 365)

Slowakien

Regierungschef Tuka teilt während einer Sitzung des Staatsrates mit, daß sich Deutschland bereit erklärt habe, alle slowakischen Juden zu übernehmen. Die Juden würden in die Ukraine geschickt. Seine Regierung habe sich verpflichtet, dafür 500 Reichsmark pro Person an Deutschland zu zahlen.

Von März bis Oktober 1942 wurden etwa 57.000 slowakische Juden in die deutschen Vernichtungslager abtransportiert. Von 57 Deportationszügen fuhren 19 nach Auschwitz. 38 hatten Lublin als Ziel; von dort wurden die Deportierten in die Vernichtungslager Treblinka, Belzec, Sobibor oder Majdanek gebracht.

Ausgenommen von den Deportationen waren in der Regel die vor dem 10. September 1941 Getauften, die mit nichtjüdischen Partnern Verheirateten und die im Besitz sog. Schutzbriefe der Regierung Befindlichen - insgesamt waren das bis zum Juni 1942 rund 24.500 Menschen. (Benz, Dimension, S. 372-373)

04.03.1942

Wartheland

Der Verwaltungsleiter des Ghettos Lodz, Biebow, wehrt sich in einem Bericht an die Gestapo gegen den Vorwurf, die Bewohner des Ghettos würden zu gut ernährt: Die Rationen lägen seit einem Jahr unter den Sätzen für Strafgefangene; außerdem seien aufgrund der Marktlage die auf dem Papier stehenden Sätze nicht einmal einzuhalten. Die Ghetto-Bewohner könnten dabei nicht auf Dauer arbeitsfähig bleiben, zumal die Lebensmittel in der Regel minderwertig seien. "Den klarsten Beweis für die Ernährungslage legen die rapide ansteigenden Sterbeziffern ab", z.B. 307 Tote in der Zeit vom 22. bis 26. Februar, wovon mindestens 84 verhungert seien.

"Es sind im Ghetto rund 53.000 Arbeiter eingesetzt, die im wesentlichen im wehrwirtschaftlichen Interesse tätig sind. Jeder, der die Verhältnisse im Ghetto kennt, weiß, daß die Werktätigen buchstäblich an ihren Arbeitsplätzen wegen Entkräftung zusammenbrechen. Die Ghettoverwaltung würde niemals den Juden mehr Lebensmittel zuteilen als unbedingt zu verantworten ist." (Lodz, S. 199)

Frankreich

Tagung der Judenreferenten im RSHA.

Eichmann entscheidet auf Drängen des Judenreferenten in Frankreich, Dannecker, daß - vorbehaltlich einer definitiven Entscheidung Heydrichs - Vorverhandlungen mit französischen Regierungsstellen über die Deportation von 5.000 Juden "nach dem Osten" aufgenommen werden können. Es soll sich dabei zunächst um männliche, arbeitsfähige Juden bis zum Höchstalter von 55 Jahren handeln. Es wird eine Regelung analog zu der mit Slowakien vereinbarten angestrebten, d.h. eine französische Verpflichtung, für jeden Deportierten einen bestimmten Geldbetrag an Deutschland zu zahlen. (IMT, RF-216)

06.03.1942

In Fortführung der "Wannsee-Konferenz" werden auf einer interministeriellen Sitzung die Voraussetzungen für die praktische Durchführung der "Endlösung" erörtert, in erster Linie "Mischlingsprobleme".

Konstatiert wird "Übereinstimmung, daß eine zwangsmäßige Sterilisierung für sich allein weder das Mischlingsproblem lösen, noch zu einer verwaltungsmäßigen Entlastung führen werde, sondern eher die augenblickliche Lage noch erschweren würde. Sollte der Führer gleichwohl aus politischen Gründen eine allgemeine Zwangssterilisierung für den geeigneten Weg halten, so wäre vorzusehen, daß nach der Sterilisierung die Mischlinge I. Grades ähnlich wie heute alte Juden in einem Gebiet in einer besonderen Stadt zusammengefaßt würden (...)."
"Mischehen": "Es wird gesetzlich festgelegt, daß die Gerichte auf Antrag des deutschbütigen Teiles oder des Staatsanwalts rassenmäßige Mischehen zu scheiden haben." (...)

Hierzu Aufzeichnung Rademachers (Auswärtiges Amt) vom 7.März: "Besondere Schwierigkeiten werden in der Frage der Sterilisierung der rund 70.000 Mischlinge gesehen. Nach Auskunft der Reichsärzteführung würde dies 700.000 Krankenhaustage bedeuten. Bei der Inanspruchnahme der Krankenhäuser durch die Verwundeten erscheint dieser Weg während des Krieges jedenfalls nicht gangbar. Es soll also (...) vorgeschlagen werden, die gesamten Mischlinge ersten Grades in einer einzigen Stadt in Deutschland oder im Generalgouvernement zusammenzufassen und die Frage der Sterilisierung bis nach Kriegsende aufzuschieben."

Der Vertreter der Parteikanzlei, Reischauer, drängt darauf, den größten Teil der Mischlinge ersten Grades ("Halbjuden") in die "Endlösungs"-Maßnahmen einzubeziehen. Von höchster Stelle (das meint in der Regel Hitler) sei anläßlich der Erörterung von Mischlingsfragen in der Wehrmacht zum Ausdruck gebracht worden, es sei notwendig, "diese Gruppe auf Juden und Deutsche aufzuteilen". Sie dürfte keinesfalls "als dritte kleine Rasse auf die Dauer am Leben" erhalten werden.

Dieser Forderung wäre durch eine allgemeine Zwangssterilisierung nicht Rechnung getragen. Statt dessen solle eine einmalige individuelle Überprüfung der Mischlinge erfolgen. Es sei zu erwarten, daß anschließend "nur ein relativ kleiner Teil der Mischlinge im Reich verbleiben" werde. Da für diese Personengruppe, die zu sterilisieren wäre, die einschränkenden Bestimmungen nicht mehr gelten würden, könne "jede weitere Verwaltungsarbeit in Zukunft entfallen".

Besprechung im RSHA zwischen Eichmann und Vertretern der Gestapo-Stellen. Es wird die Deportation von weiteren 55.000 Juden aus dem Altreich, Österreich und dem Protektorat festgelegt.

Eichmann weist darauf hin, "daß die gegebenen Richtlinien, vor allem hinsichtlich des Alters, der Gebrechlichkeit usw. genauestens einzuhalten seien, da beim Transport nach Riga ca. 40-45 Fälle durch den Judenältesten in Riga über die Gauleiter Lohse und Meyer dem SS-Obergruppenführer Heydrich als zu Unrecht reklamiert wurden. Obgleich sich die Mehrzahl dieser Fälle bei näherer Prüfung als durchaus berechtigte Evakuierungen herausstellten, ist die Vermeidung derartiger Beschwerden unter allen Umständen anzustreben. SS-Obergruppenführer Heydrich macht daher für die Durchführung der Richtlinien (...) die Stapoleiter persönlich verantwortlich.

Damit einzelne Stapostellen 'der Versuchung, ihnen unbequeme ältere Juden mit abzuschieben, nicht weiter ausgesetzt sind', (...) sei zur Beruhigung gesagt, daß diese (...) Juden höchstwahrscheinlich schon im Laufe dieses Sommers bezw. Herbstes nach Theresienstadt abgeschoben werden." (Adler, S. 194-195)

Goebbels Tagebuch

"Ein SD-Bericht orientiert mich über die Lage im besetzten Rußland. Sie ist doch prekärer, als man allgemein annimmt. Die Partisanengefahr erhöht sich von Woche zu Woche. (...) Die Juden betätigen sich überall als Hetzer und Aufputscher. Es ist deshalb erklärlich, daß sie in großem Umfange dafür mit dem Leben bezahlen müssen. Überhaupt vertrete ich die Meinung, daß, je mehr Juden während dieses Krieges liquidiert werden, desto konsolidierter die Lage in Europa nach dem Kriege sein wird. Man darf hier keine falsche Sentimentalität obwalten lassen. Die Juden sind das europäische Unglück; sie müssen auf irgendeine Weise beseitigt werden, da wir sonst Gefahr laufen, von ihnen beseitigt zu werden." (Fröhlich, II.3, S. 425-426)

07.03.1942

Goebbels Tagebuch

"Ich lese eine ausführliche Denkschrift des SD und der Polizei über die Endlösung der Judenfrage. Daraus ergeben sich eine Unmenge von neuen Gesichtspunkten. Die Judenfrage muß jetzt im gesamteuropäischen Rahmen gelöst werden. Es gibt in Europa noch über 11 Millionen Juden. Sie müssen später einmal zuerst im Osten konzentriert werden; eventuell kann man ihnen nach dem Krieg eine Insel, etwa Madagaskar, zuweisen. Jedenfalls wird es keine Ruhe in Europa geben, wenn nicht die Juden restlos aus dem europäischen Gebiet ausgeschaltet werden. Das ergibt eine Unmenge von außerordentlich delikaten Fragen. Was geschieht mit den Halbjuden, was geschieht mit den jüdisch Versippten, Verschwägerten, Verheirateten? Wir werden also hier noch einiges zu tun bekommen, und im Rahmen der Lösung dieses Problems werden sich gewiß auch noch eine ganze Menge von persönlichen Tragödien abspielen. Aber das ist unvermeidlich jetzt. Jetzt ist die Situation reif, die Judenfrage einer endgültigen Lösung zuzuführen. Spätere Generationen werden nicht mehr die Tatkraft und auch nicht mehr die Wachheit des Instinkts besitzen. Darum tun wir gut daran, hier radikal und konsequent vorzugehen." (Fröhlich, II.3, S. 431-432)