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17.10.1942
Generalgouvernement
Der SS- und Polizeiführer im Distrikt Galizien teilt betr. "Einsatz jüdischer Arbeitskräfte"
dem Rüstungskommando Lemberg (Llow) am 19. Oktober mit:
Nach Besprechung zwischen ihm und dem Kommandeur des Rüstungskommandos Lemberg sei am 17. Oktober folgende Vereinbarung getroffen worden: Die jüdischen Arbeitskräfte seien grundsätzlich zu "kasernieren"
und stünden in den Lagern unter Kontrolle des SS- und Polizeiführers. Die vorläufige Kasernierung sei von den Werksleitungen selbst vorzunehmen. Auf keinen Fall dürften die Angehörigen der jüdischen Arbeiter dort Unterkunft finden. Für die in Lemberger Betrieben beschäftigten jüdischen Arbeitskräfte werde noch eine Sonderregelung getroffen. Vorläufig würden sie "im jüdischen Wohnbezirk geschlossen untergebracht"
.
Die Verpflegung der Zwangsarbeiter erfolge durch die Werke und ausschließlich dort. Vom 1. November an werde an jüdische Arbeitskräfte generell kein Barlohn mehr gezahlt. Man sei sich aber einig, "daß es notwendig ist, die jüdischen Arbeitskräfte auch arbeitsfähig zu erhalten; das bedingt entsprechende Unterkunft, Bekleidung und ärztliche Betreuung."
(IMT, L-018)
Kroatien/Italien
Außenminister Ribbentrop an den deutschen Botschafter in Zagreb, Kasche.
Ribbentrop tadelt Kasche wegen seiner ständigen Druckausübung auf die Italiener in der "Judenfrage"
und erinnert daran, daß das Bündnis mit Italien die Basis der deutschen Außenpolitik sei. Deutschland könne es sich nicht leisten, "wegen kroatischer Interessen"
Streit mit seinem italienischen Verbündeten zu bekommen. (ADAP, Serie E, Bd. IV, Nr. 69)
18.10.1942
Niederlande/Auschwitz
Aus dem Lager Westerbork werden 1.710 jüdische Menschen nach Auschwitz eingeliefert. Nach der "Selektion"
werden 116 Frauen als Häftlinge registriert. Die anderen 1.594 Angekommenen werden in die Gaskammern geschickt. (Czech, S. 321)
Hitlers "Kommandobefehl"
Kommando- und Sabotagetrupps des Gegners sollen, "wo immer sie auch auftreten, rücksichtslos im Kampf niedergemacht werden"
. Alle bei Kommandounternehmen gestellten Gegner, "auch wenn es sich äußerlich um Soldaten in Uniform oder Zerstörertrupps mit und ohne Waffen handelt"
, seien "im Kampf oder auf der Flucht bis auf den letzten Mann niederzumachen"
. Wenn einzelne Kommandoangehörige auf anderen Wegen in die Hände der Wehrmacht gelangen, z.B. durch die Polizei der besetzten Länder, so sind sie unverzüglich dem SD der SS zu übergeben. (Domarus, S. 1928)
Im besetzten Jugoslawien erweitert General Löhr Hitlers Erlaß auf die Partisanen-Bekämpfung: Alle feindlichen Gruppen müßten unter allen Umständen bis zum letzten Mann vernichtet werden. Er erwarte von jedem Vorgesetzten vollen Einsatz der eigenen Person, damit dieser Befehl von seinen Truppen ausnahmslos und mit brutaler Strenge ausgeführt wird. Nichtbeachtung seines Befehls werde er gnadenlos zur Rechenschaft ziehen. (Steinberg, S. 37)
19.10.1942
Aus Theresienstadt geht ein Deportationszug mit rund 1.980 Menschen nach Minsk ab.
20.10.1942
Verfügung des Leiters der Parteikanzlei
Angesichts der Anordnung des Führers vom 8.4.40 hinsichtlich des Ausschlusses aller jüdischen Mischlinge ersten Grades aus der Wehrmacht und des Verbleibens von Mischlingen in der Wehrmacht mit besonderer Genehmigung des Führers, ist nunmehr der Parteikanzlei über jeden einzelnen Fall zu berichten, in dem ein Mischling noch in der Wehrmacht dient. (Walk, S. 390)
Kroatien/Italien
Der deutsche Gesandte in Zagreb, Kasche, an das Auswärtige Amt.
"Mir erscheint italienisches Vorgehen immer klarer als Verschleppungstaktik. Offensichtlich ist die Unterrichtung unserer Botschaft über die Entscheidung des Duce (s. 21.8.42) falsch gewesen, oder die Entscheidung des Duce ist von nachgeordneten Stellen unbeachtet geblieben. Kroaten meinen, daß auch gewisse vatikanische Einflüsse gegeben sein dürften. Ein Abgeben der Juden nach Italien würde eine Durchkreuzung gesamteuropäischer Judenpolitik, wie sie von uns vertreten wird, bedeuten." (ADAP, Serie E, Bd. IV, Nr. 72)
Protestveranstaltung des Board of Deputies of British Jews, der wichtigsten Vertretung der Juden Großbritanniens, in der Londoner Albert Hall mit 10.000 Teilnehmern gegen die deutsche Vernichtungspolitik. Grußbotschaften des englischen Premiers Churchill und der Chefs der tschechoslowakischen und polnischen Exilregierung, Benesch und Sikorski, werden verlesen.
18.09.- 21.10.1941
Bezirk Bialystok
4.500 Bewohner des Ghettos von Bialystok (Nordostpolen) werden nach Prushany, etwa 100 km südlich von Bialystok, gebracht. Es handelt sich um Kranke, Alte und zur Arbeit für die Deutschen nicht benötigte Menschen. Die meisten werden bei der "Liquidierung"
des Ghettos von Prushany Ende Januar 1943 ermordet.
21.10.1942
Niederlande/Auschwitz
Aus dem niederländischen Lager Westerbork kommt ein Transport mit 1.327 Juden in Auschwitz an. Nach der "Selektion"
werden 497 Männer als Häftlinge registriert; die anderen 830 Menschen werden in den Gaskammern ermordet. (Czech, S. 323)
Slowakien
Aus einem slowakischen Deportationszug werden in Auschwitz 78 Frauen und 121 Männer als Häftlinge registriert; die anderen Angekommenen werden unmittelbar in die Gaskammern geschickt. (Czech, S. 323)
22.10.1942
Transport aus Theresienstadt mit 2.018 Menschen nach Treblinka.
Italien
Bericht des Unterstaatssekretärs im Auswärtigen Amt, Luther, über "Italien und die Judenfrage"
, zur Vorlage bei Außenminister Ribbentrop "mit der Bitte um Weisung"
.
"Bei der Bereinigung der Judenfrage"
werde die Regelung der italienischen Haltung immer dringlicher. Lage sei:
- Italienische Juden im deutschen Machtbereich sind bisher von allen Maßnahmen ausgenommen geblieben. Das bedeute
"eine dauernde Belastung für die deutsche Bevölkerung sowie einen Faktor innerer Zersetzung"
."Außerdem wird dadurch in schwer vertretbarer Form augenfällig, daß an einem so wichtigen Punkte die Achse keine einheitliche Politik verfolgt, was wiederum eine Kritik an den deutschen Maßnahmen in sich schließt."
"Italien ist in seiner Judengesetzgebung über schwache Ansätze zu einer Lösung nicht hinausgekommen, auch der Krieg hat bisher keine Tendenz zur Verschärfung in dieser Richtung gebracht. Vielmehr scheint das Bemühen vorzuherrschen, jeder einschneidenden Maßnahme aus dem Wege zu gehen. Viele Einzelzüge - Verharren von Juden in wirtschaftlichen Schlüsselstellungen, zahlreiche Genehmigungen zur Italianisierung jüdischer Namen, Rückgängigmachen früherer Judenausbürgerung usw. zeigen die Vorsicht auf diesem Gebiet."
(...)- Italien schätze die wirtschaftliche Macht seiner jüdischen Staatsangehörigen im Mittelmeerraum außerordentlich stark ein, besonders in Tunis, und scheue daher überall vor antijüdischen Maßnahmen zurück. In Tunesien widersetze sich Italien den
"energischen französischen Arisierungsbestrebungen"
.
In Griechenland haben erste Besprechungen zwischen deutschen und italienischen Vertretern über die Kennzeichnung der Juden stattgefunden. Italien spreche sich gegen diese Maßnahme zum jetzigen Zeitpunkt aus. "Dabei ist das Problem in Griechenland außerordentlich dringlich, da die Juden (70.000, davon 40-45.000 in Saloniki) vorwiegend im Handel stark wucherisch tätig sind. Viele davon sprechen deutsch. Sie tragen außerordentlich zur Erschwerung der Wirtschaftslage und Stimmung bei. Die erste Anordnung der griechischen Behörden über den Arbeitseinsatz in Saloniki hat zu starker Abwanderung gerade der wohlhabenden Juden nach dem italienisch besetzten Gebiet geführt."
In Rumänien und anderen Staaten Südosteuropas werde die "teilweise mühsam durchgedrückte Judenpolitik"
von italienischer Seite dadurch empfindlich gestört, "daß nicht nur italienische Judenfirmen in maßgebenden Schlüsselstellungen verbleiben"
, sondern z.T. jüdische Geschäftsleute und Angestellte von italienischen Firmen übernommen worden seien, so daß sie vor antijüdischen Maßnahmen geschützt sind.
In Kroatien verhindern die italienischen Besatzungsbehörden kroatische "Aussiedlungsmaßnahmen"
. Mussolinis Entscheidung (die Juden zur Deportation freizugeben) sei bisher nicht durchgeführt worden.
Luther schlägt vor, das "Gesamtproblem"
zwischen Ribbentrop und Ciano oder zwischen Hitler und Mussolini zu erörtern, um u.a. zu erreichen: "Italien muß die italienischen Maßnahmen und Gesetzgebung an unsere Grundsätze und Maßnahmen angleichen. Hierfür spricht
die allgemeinpolitische Erwägung, daß auf dem so wichtigen Gebiet der Judenfrage die Achse unbedingt als Einheit erscheinen muß. Ein Auftreten Italiens als Beschützer der Juden, wie bisher, bietet der Gegenseite willkommene Gelegenheit, das gute Einvernehmen der Achsenpartner zu stören, was in steigendem Maße der Fall sein wird, je konsequenter die deutsche Judenpolitik vorgeht. Es läßt sich der Zeitpunkt bereits erkennen, da diese Frage eine akute Gefahr werden könnte;
spielt das Judentum in Italien eine ebenso gefährliche Rolle wie früher bei uns (...). Im übrigen läßt
die verhältnismäßig geringe Zahl der Juden in Italien (offiziell 43.000, doch wird diese Zahl von Kennern der Judenfrage in Italien aus stichhaltigen Gründen als viel zu niedrig angesehen) nicht erwarten, daß eine Bereinigung dieser Frage wirtschaftliche Erschütterungen mit sich bringt."
Gefährliche Konsequenzen der italienischen Politik, über ein Aufschieben beabsichtigter antijüdischer Maßnahmen hinaus, seien:
a) eine Stärkung des Widerstandes einzelner Regierungen (z.B. Ungarns) gegen unseren Versuch der Gleichschaltung in der Judenpolitik,
b) eine Verhinderung von uns als notwendig befundener Maßnahmen (Kroatien, Griechenland),
c) eine aktive Förderung des Judentums, das mit wachem Instinkt aus diesem Gewährenlassen immer Kapital zu schlagen weiß."
(ADAP, Serie E, Bd. IV, Nr. 89)
23.10.1942
Rundschreiben des "Beauftragten für privilegierte Mischehen"
Juden ist es verboten, sich an die Gestapo zu wenden, ohne daß sie dazu aufgefordert wurden. Juden, die in Mischehen leben, dürfen sich nur über den Beauftragten für privilegierte Mischehen an Behörden zu wenden. Jüdische Arbeitnehmer, die die Zusatznamen Israel oder Sara tragen, müssen von ihrem Arbeitgeber verlangen, daß diese Zusatznamen in allen Bestätigungen erscheinen, die sie betreffen. Arbeitnehmer, die außerhalb der erlaubten Ausgangszeiten arbeiten, haben sich sofort mit dem Beauftragten in Verbindung zu setzen. (Walk, S. 390)
23. - 24.10.1942
Generalgouvernement
Aus dem Anfang des Monats errichteten Ghetto von Drogobytsch (Ukraine) werden 2.300 Menschen in das Vernichtungslager Belzec deportiert; 300 Patienten eines jüdischen Krankenhauses werden an Ort und Stelle ermordet. (EdH, S. 371)
WELTKRIEGSEREIGNISSE
23.10.1942
Beginn der britischen Gegenoffensive bei El Alamein.