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24.10.1941
Mitteilung des Chefs der Ordnungspolizei, Daluege, an die örtlichen Befehlshaber der OrPo und der SS
- "In der Zeit vom 1. November bis 4. Dezember werden durch die Sicherheitspolizei aus dem Altreich, der Ostmark und dem Protektorat Böhmen und Mähren 50.000 Juden nach dem Osten in die Gegend um Riga und um Minsk abgeschoben. Die Aussiedlungen erfolgen in Transportzügen der Reichsbahn zu je 1.000 Personen. Die Transportzüge werden in Berlin, Hamburg, Hannover, Dortmund, Münster, Düsseldorf, Köln, Frankfurt/M., Kassel, Stuttgart, Nürnberg, München, Wien, Breslau, Prag und Brünn zusammengestellt.
- Auf Grund der Vereinbarungen mit dem Chef der Sicherheitspolizei und des SD übernimmt die Ordnungspolizei die Bewachung der Transportzüge." (IMT, PS-3921)
Anordnung des RSHA (gez. Müller); von den Gestapoleitstellen den Landräten, Bürgermeistern usw. erst Mitte November 1941 mitgeteilt
"Wie in der letzten Zeit wiederholt bekannt geworden ist, unterhalten deutschblütige Personen nach wie vor freundschaftliche Beziehungen zu Juden und zeigen sich mit diesen in auffälliger Weise in der Öffentlichkeit. Da die betreffenden Deutschblütigen auch heute noch den elementarsten Grundbegriffen des Nationalsozialismus verständnislos gegenüberzustehen scheinen und ihr Verhalten als Mißachtung der staatlichen Maßnahmen anzusehen ist, ordne ich an, daß bei derartigen Vorkommnissen der deutschblütige Teil vorübergehend in Schutzhaft zu nehmen bzw. in schwerwiegenden Fällen bis zur Dauer von drei Monaten in ein Konzentrationslager, Stufe I, einzuweisen ist. Der jüdische Teil ist in jedem Falle bis auf weiteres unter Einweisung in ein Konzentrationslager in Schutzhaft zu nehmen." (Adler, S. 55)
Goebbels Tagebuch
"Allmählich fangen wir nun auch mit der Ausweisung von Juden nach dem Osten an. Einige tausend sind schon in Marsch gesetzt. Sie kommen vorerst nach Litzmannstadt (Lodz, Anm. d. Red.). Darob große Aufregung in den betroffenen Kreisen. Die Juden wenden sich in anonymen Briefen hilfesuchend an die Auslandspresse, und es sickern auch in der Tat einige Nachrichten davon ins Ausland durch. Ich verbiete weitere Informationen darüber für die Auslandskorrespondenten. Trotzdem wird es nicht zu verhindern sein, daß dies Thema in den nächsten Tagen weitergesponnen wird. Daran ist nichts zu ändern. Wenn es auch im Augenblick etwas unangenehm ist, diese Frage vor einer breiteren Weltöffentlichkeit erörtert zu sehen, so muß man diesen Nachteil schon in Kauf nehmen. Hauptsache ist, daß die Reichshauptstadt judenrein gemacht wird; und ich werde nicht eher ruhen und rasten, bis dieses Ziel vollkommen erreicht ist." (Fröhlich)
25.10.1941
Serbien
Der "Judenreferent"
des Auswärtigen Amtes, Rademacher, berichtet über die Ergebnisse einer Dienstreise nach Belgrad.
"Zweck der Dienstreise war es, an Ort und Stelle zu prüfen, ob nicht das Problem der 8.000 jüdischen Hetzer, deren Abschiebung von der Gesandtschaft gefordert wird, an Ort und Stelle erledigt werden könne."
Die erste Aussprache habe ergeben, "daß bereits über 2.000 dieser Juden als Repressalie für Überfälle auf deutsche Soldaten erschossen waren. Auf Anordnung des Militärbefehlshabers sind für jeden getöteten deutschen Soldaten 100 Serben zu erschießen. Im Vollzuge dieses Befehls wurden zunächst die aktiven kommunistischen Führer serbischer Nationalität - etwa 50 an der Zahl - und dann laufend Juden als kommunistische Hetzer erschossen." Es handele sich nicht um 8.000, sondern nur um rund 4.000 Juden, von denen außerdem nur 3.500 erschossen werden könnten, da die restlichen 500 benötigt würden, "um den Gesundheits- und Ordnungsdienst in dem zu errichtenden Ghetto aufrechtzuerhalten."
Er habe die Gründe auseinandergesetzt, "weshalb die Juden weder nach Rumänien noch in das Generalgouvernement oder in den Osten abgeschoben werden konnten."
Die Verhandlungen hätten folgendes ergeben:
- "Die männlichen Juden sind bis Ende dieser Woche erschossen, damit ist das in dem Bericht der Gesandtschaft angeschnittene Problem erledigt.
- Der Rest von etwa 20.000 Juden (Frauen, Kinder und alte Leute) sowie rund 1.500 Zigeunern, von denen die Männer ebenfalls noch erschossen werden, sollte im sogenannten Zigeunerviertel der Stadt Belgrad als Ghetto zusammengefaßt werden. Die Ernährung für den Winter könnte notdürftig sichergestellt werden."
Doch komme dies nach Ansicht Turners nur als "Übergangsstation"
in Frage, da das Zigeunerviertel "ein absoluter Seuchenherd"
sei und "aus hygienischen Gründen"
niedergebrannt werden müsse. Daher sollten "die Juden und Zigeuner, die nicht als Repressalie erschossen werden"
, später auf die serbische Insel Mitrovica geschafft werden. "Dort werden zwei getrennte Lager errichtet. In dem einen sollen die Juden und Zigeuner und in dem anderen 50.000 serbische Geiseln untergebracht werden. Sobald dann im Rahmen der Gesamtlösung der Judenfrage die technische Möglichkeit besteht, werden die Juden auf dem Wasserwege (auf der Donau) in die Auffanglager im Osten abgeschoben."
(ADAP, Serie D, Bd. XIII.2, Nr. 425)
Ausführungen Hitlers im Führerhauptquartier
"Von der Tribüne des Reichstages aus prophezeite ich dem Judentum, daß, wenn ein Krieg unvermeidlich würde, die Juden aus Europa verschwinden würden. Diese Rasse von Kriminellen hat schon zwei Millionen Gefallene des 1.Weltkrieges auf ihrem Gewissen und jetzt schon Hunderttausende mehr. Niemand soll mir sagen, daß wir sie nicht in den Sumpfgebieten Rußlands unterbringen könnten. Wer sorgt sich um unsere Truppen dort. Es ist übrigens keine schlechte Sache, daß das öffentliche Gerücht uns einen Plan zur Vernichtung der Juden zuschreibt. Terror ist eine heilsame Sache." (Hitlers Table Talk, S. 87)
Wetzel (seit Juli 1941 Sachbearbeiter für Judenangelegenheiten beim Reichsminister für die besetzten Ostgebiete), schreibt an den Reichskommissar Ostland, Lohse.
"(...) daß sich Oberdienstleiter Brack von der Kanzlei des Führers bereit erklärt hat, bei der Herstellung der erforderlichen Unterkünfte sowie der Vergasungsapparate mitzuwirken. Zur Zeit sind in Betracht kommende Apparate in genügender Zahl nicht vorhanden, sie müssen erst hergestellt werden. Da nach Auffassung Bracks die Herstellung der Apparate im Reich viel größere Schwierigkeiten bereitet als an Ort und Stelle, hält es Brack für am zweckmäßigsten, wenn er umgehend seine Leute, insbesondere seinen Chemiker Dr. Kallmeyer, nach Riga sendet, der dort alles weitere veranlassen wird. (...)
Ich darf darauf hinweisen, daß Sturmbannführer Eichmann (...) mit diesem Verfahren einverstanden ist. Nach Mitteilung von (...) Eichmann sollen in Riga und Minsk Lager für Juden geschaffen werden, in die eventuell auch Juden aus dem Altreich kommen. Es werden zur Zeit aus dem Altreich Juden evakuiert, die nach Litzmannstadt (Lodz), aber auch nach anderen Lagern kommen sollen, um dann später im Osten, soweit arbeitsfähig, in Arbeitseinsatz zu kommen. Nach Sachlage bestehen keine Bedenken, wenn diejenigen Juden, die nicht arbeitsfähig sind, mit den Brackschen Hilfsmitteln beseitigt werden. Auf diese Weise dürften dann auch Vorgänge, wie sie sich bei den Erschießungen von Juden in W(ilna) nach einem mir vorliegenden Bericht ergeben haben, und die auch im Hinblick darauf, daß die Erschiessungen öffentlich vorgenommen werden, kaum gebilligt werden können, nicht mehr möglich sein. Die Arbeitsfähigen dagegen werden zum Arbeitseinsatz nach Osten abtransportiert. Daß bei den arbeitsfähigen Juden Männer und Frauen getrennt zu halten sind, dürfte selbstverständlich sein." (IMT, NO-365)
Wartheland
Deportation von 1.034 Juden aus Hamburg in das Ghetto von Lodz.
26.10.1941
Serbien
Befehl des Chefs des Verwaltungsstabes, SS-Gruppenführer Turner.
"Grundsätzlich ist festzulegen, daß Juden und Zigeuner ganz allgemein ein Element der Unsicherheit und damit Gefährdung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit darstellen. Es ist der jüdische Intellekt, der diesen Krieg heraufbeschworen hat und der vernichtet werden muß. (...) Es ist festgestellt worden, daß das jüdische Element an der Führung der Banden erheblich beteiligt und gerade Zigeuner für besondere Grausamkeiten und den Nachrichtendienst verantwortlich sind." (IMT, NOKW-802)
Protektorat/Wartheland
Aus Prag werden 1.000 Menschen in das Ghetto von Lodz deportiert.
27.10.1941
Warthegau
Transport von 1.000 Menschen aus Düsseldorf und anderen Städten der Region in das Ghetto von Lodz.
RK Ostland
Das deutsche Polizeibataillon 11 erscheint in Sluzk (Weißrußland) mit dem Auftrag, die Stadt innerhalb von zwei Tagen "judenfrei"
zu machen. Die jüdische Bevölkerung, darunter viele für amtliche deutsche Auftraggeber arbeitende Handwerker, wird teils auf LKWs getrieben und außerhalb der Stadt ermordet, teils auf den Straßen und in den Häusern niedergeschossen
Goebbels Tagebuch
"In einer südamerikanischen Zeitung wird von jüdischer Seite aus der Vorschlag gemacht, man müsse nach dem Kriege Deutschland auch einer Geburtenkontrolle unterwerfen; das Reich dürfe nicht mehr als 10 Millionen Einwohner haben. Uns ist das ein willkommener Anlaß, wieder einmal die Judenfrage in der deutschen Presse groß aufzugreifen, was uns auch aus innerpolitischen Gründen außerordentlich angenehm ist.
Dazu kommt, daß Antonescu sich in besonders scharfer und eindringlicher Weise gegen einen Protest des rumänischen Judenführers Fildermann wendet, der sich über die angeblichen Mißhandlungen der Juden in Rumänien beklagt. Antonescu hält ihm das ganze Sündenregister der rumänischen Juden vor, vor allem ihr Schandregiment in Bessarabien, das ja geradezu himmelschreiend war. Auch dieser Antwortbrief Antonescus, der groß in den rumänischen Blättern veröffentlicht wird, wird von der deutschen Presse ebenso groß übernommen, so daß wir also insgesamt jetzt eine neue große Antijudenkampagne starten können, was vor allem unseren Spießern gut tun wird, die augenblicklich eben dabei sind, die lieben Juden, bloß weil sie einen gelben Stern tragen müssen, wieder in ihre Humanität aufzunehmen." (Fröhlich)
27. - 30.10.1941
Serbien
Als "Vergeltung"
für einen Partisanenüberfall werden 2.200 jüdische Geiseln und mehrere Zigeuner erschossen.
28.10.1941
Wartheland
Transport aus Wien mit rund 1.000 Menschen in das Ghetto von Lodz.
RK Ostland
In Kowno/Kaunas (Litauen) beginnt eine deutsche Mordaktion, in deren Verlauf jüdische 9.000 Menschen (zur Hälfte Kinder) erschossen werden. Die meisten der noch im Ghetto lebenden 17.400 Juden sind zur Zwangsarbeit eingesetzt, vor allem für die Kriegsproduktion.
Aufzeichnung Rademachers, Auswärtiges Amt
Nach Anfrage des RSHA, "ob im Zuge der Abschiebung der Juden aus Deutschland nach dem Osten die slowakischen und kroatischen Juden miterfaßt werden können", wird vom Auswärtigen Amt vorgeschlagen, den betreffenden Regierungen freizustellen "die Juden ihrer Staatsangehörigkeit in angemessener Frist aus Deutschland abzuberufen oder sie von deutscher Seite in die Ghettos im Osten abschieben zu lassen."
(ADAP, Serie E, Bd. I, Nr. 108 Fußnote)
Goebbels Tagebuch
"Die vorläufig in bescheidenem Umfang durchgeführten Judenevakuierungen aus Berlin sind immer noch ein Hauptthema der gegnerischen Propaganda. Man hat den Plan gefaßt, noch im Laufe dieses Jahres an die 15.000 Juden aus Berlin auszuweisen. Es bleiben dann immer noch 50.000. Das ist falsch. Ich dringe darauf, daß, wenn die Juden evakuiert werden, dieser Prozeß in möglichst kurzer Frist beendet sein muß. Man soll nicht aus jeder Stadt einen Teil der Juden evakuieren, weil dann das Problem ja dauernd brennend bleibt, sondern man soll eine Stadt nach der anderen evakuieren. Am ehesten kommt natürlich Berlin dran: denn die Reichshauptstadt muß nach Lage der Dinge judenfrei sein. In der Reichshauptstadt auch wirken sich Maßnahmen wie die Evakuierung immer propagandistisch übler aus als in anderen Städten, weil wir hier ja die ganze Diplomatie und die Auslandspresse sitzen haben. Es muß also erstrebt werden, noch im Laufe dieses Jahres die letzten Juden aus Berlin herauszubringen, damit endlich das Problem für die Reichshauptstadt als gelöst gelten kann. Ob mir das gelingt, weiß ich noch nicht; denn die Juden finden immer noch mächtige Beschützer in den obersten Reichsbehörden, und wenn sie auch gegen den Erlaß von Maßnahmen nicht viel unternehmen können, so sind sie doch in der Lage, die Durchführung im weiten Umfang zu sabotieren. Es ist merkwürdig, welch eine Instinktlosigkeit der Judenfrage gegenüber immer noch in unseren gesellschaftlichen und intellektuellen Kreisen zu finden ist." (Fröhlich)
29.10.1941
Serbien
Der Bevollmächtigte des Auswärtigen Amts in Serbien, Benzler, an das Auswärtige Amt.
"In letzter Woche haben nicht nur in Kraljevo, sondern auch in Kragujevac Erschießungen von Serben in großem Umfang ohne standrechtliches Verfahren als Vergeltungsmaßnahmen für die Tötung deutscher Wehrmachtsangehöriger nach dem Verhältnis 100 Serben für einen Deutschen stattgefunden. In Kraljevo sind 1.700, in Kragujevac 2.300 männliche Serben erschossen worden. Außerdem haben im Ort Gornje-Milanovac (...) nach Niederbrennung Erschießungen stattgefunden.
Bei den Erschießungen sind Mißgriffe vorgekommen. So sind V-Leute, Kroaten und ganze Belegschaften deutscher Rüstungsbetriebe erschossen worden, ferner in Milanovac diejenigen, die im Vertrauen auf ihre Unschuld im Gegensatz zur Mehrzahl der geflüchteten Bevölkerung zurückgeblieben waren. Die Erschießungen in Kragujevac sind erfolgt, obwohl in dieser Stadt kein Angriff gegen deutsche Wehrmachtsangehörige stattgefunden hatte, weil anderwärts nicht genügend Geiseln aufgetrieben werden konnten.
Diese wahllosen Erschießungen zeitigten in Bevölkerung Rückwirkungen, die dem politischen Endziel entgegenlaufen. (...) Bevollmächtigter Kommandierender General hat daraufhin neue Weisungen über das Erschießen von Geiseln erlassen, die zwar an dem Verhältnis hundert Serben für einen Deutschen nichts ändern, aber nach Möglichkeit Mißgriffe wie die oben erwähnten ausschließen." (ADAP, Serie D, Bd. XIII.2, Nr. 432)
30.10.1941
RK Ostland
In Neswish (Weißrußland) werden 4.000 Juden von den Deutschen ermordet; die überlebenden knapp 600 Menschen werden in ein Ghetto gesperrt.
31.10.1941
Verordnung des Reichsarbeitsministers zur Durchführung der VO über die Beschäftigung von Juden
"Der Jude kann als Artfremder nicht Mitglied einer deutschen Betriebsgemeinschaft sein, die sich auf dem Grundsatz der gegenseitigen Treuepflicht aller im Betrieb Schaffenden aufbaut."
Die meisten Arbeits- und Sozialgesetze gelten nicht für Beschäftigungsverhältnisse von Juden. Juden haben Anspruch auf Vergütung nur für die tatsächlich geleistete Arbeit; die Fortzahlung des Arbeitsverdienstes ohne Arbeitsleistung ist unzulässig. Ein Anspruch auf Fortzahlung des Gehalts in Krankheitsfällen oder auf Zuschußzahlungen zum Krankengeld bestehen nicht. Besteht ein Anspruch auf Urlaub oder Familienheimfahrt, so beschränkt er sich auf die Gewährung von unbezahlter Freizeit. Jüdische Beschäftigte haben keinen Anspruch auf Zuschläge zum Lohn oder Gehalt für Arbeit, die an Sonn- oder Feiertagen geleistet wird sowie für Überstunden. Jüdischen Beschäftigten dürfen keine Familien- oder Kinderzulagen, Geburten- oder Heiratsbeihilfen, Sterbegelder, Weihnachtszuwendungen, Abschlußgratifikationen, Jubiläumsgaben, Treuegeld, dreizehntes Monatsgehalt, Abfindungen u.ä, gewährt werden. Die Gewährung von tariflichen oder betrieblichen Leistungen aus Anlaß einer Geburt (Wochenhilfe) ist unzulässig.
Betriebsvereinbarungen zur Altersversorgung dürfen mit Juden nicht getroffen werden. "Trennungs- und Unterkunftsgelder sowie Auslösungen und Zehrgelder dürfen jüdischen Beschäftigten nur mit Zustimmung des für den Betrieb zuständigen Reichstreuhänders der Arbeit gewährt werden."
Der Arbeitgeber kann das Beschäftigungsverhältnis mit Juden, abgesehen von den Fällen der fristlosen Entlassung, jederzeit zum Schluß des folgenden Werktags kündigen, "soweit nicht besondere Vorschriften über die Kündigung auch auf das Beschäftigungsverhältnis von Juden für anwendbar erklärt sind."
Juden müssen die ihnen von den Arbeitsämtern zugewiesenen Beschäftigungen annehmen. Sie dürfen nur gruppenweise zur Arbeit eingesetzt werden; das Landesarbeitsamt kann Ausnahmen zulassen.
"Jüdische Beschäftigte sind von der übrigen Gefolgschaft getrennt zu halten. Werden jüdische Beschäftigte außerhalb des Heimatorts gruppenweise eingesetzt, so sind sie in gesonderten Unterkünften unterzubringen."
Juden dürfen nicht als Lehrlinge oder Anlernlinge beschäftigt werden.
Für jüdische Beschäftigte von 14 bis 18 Jahren gelten die für Erwachsene geltenden Vorschriften zur Arbeitszeit usw. anstelle des Gesetzes über Kinderarbeit und des Jugendschutzgesetzes. Auf erwachsene Juden findet die Verordnung über den Arbeitsschutz vom 12.12.39 keine Anwendung.
Die Arbeitslosenhilfe für Juden beschränkt sich auf das zum Lebensunterhalt unerläßlich Notwendige. Die Bestimmungen über die Kurzarbeiterunterstützung finden auf jüdische Beschäftigte keine Anwendung.
Die meisten Bestimmungen gelten nicht für in einer Mischehe lebende Juden, sofern Kinder aus der Ehe vorhanden sind, die nicht als Juden gelten, und zwar auch dann, wenn die Ehe nicht mehr besteht oder der einzige Sohn im gegenwärtigen Kriege gefallen ist; sie gelten außerdem nicht für die jüdische Ehefrau. Die meisten Bestimmungen finden auch keine Anwendung, wenn der Arbeitgeber selbst Jude ist.
Die Verordnung gilt einstweilen nicht in den eingegliederten Ostgebieten. (RGBl 1941, Teil I, S. 759-761)
Protektorat/Wartheland
Aus Prag werden 1.000 Juden in das Ghetto von Lodz deportiert.
Laut Protokoll der Wannsee-Konferenz (20.1.1942) wurden seit Januar 1933 bis zum Stichtag 31.Oktober 1941 aus dem Gebiet des Deutschen Reichs insgesamt 537.000 Juden "zur Auswanderung gebracht"
. Davon aus dem Altreich 360.000, aus Österreich 147.000, aus dem Protektorat 30.000.
RK Ostland
Tätigkeits- und Lagebericht Nr. 6 der Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD in der UdSSR, Berichtszeit vom 1.-31.10.1941.
Bez. Estland:
"Im Jahre 1940 lebten in Estland, fast ausschließlich in Reval, Dorpat, Narwa und Pernau, etwa 4500 Juden. Das flache Land wies nur wenige Juden auf. Nach Besetzung des Ostlandes durch die deutschen Truppen waren noch etwa 2000 Juden anwesend. Der größte Teil hatte mit den Sowjetbehörden und der Roten Armee das Land in östlicher Richtung verlassen.
Spontane Kundgebungen gegen das Judentum mit anschließenden Pogromen seitens der Bevölkerung gegen die zurückgebliebenen Juden waren nicht zu verzeichnen, da es an einer entsprechenden Aufklärung fehlte. Der beim Einrücken der Wehrmacht gebildete estnische Selbstschutz begann jedoch sofort mit einer umfassenden Festnahmeaktion sämtlicher Juden. Diese Aktion wurde von der Einsatzgruppe der Sicherheitspolizei und des SD geleitet.
Als durchgeführte Maßnahmen sind festzustellen:
- Festnahme aller männlichen Juden über 16 Jahre;
- Festnahme aller arbeitsfähigen in Reval und Umgebung wohnhaften Jüdinnen im Alter von 16-60 Jahren, die zum Torfstechen eingesetzt wurden;
- geschlossene Unterbringung der in Dorpat und Umgebung wohnhaften Jüdinnen in der Synagoge in Dorpat;
- Festnahme der arbeitsfähigen Juden und Jüdinnen in Pernau und Umgebung;
- Erfassung aller Juden nach Alter, Geschlecht und Arbeitsfähigkeit zum Zwecke der Unterbringung in einem in Vorbereitung befindlichen Lager.
Die männlichen über 16 Jahre alten Juden wurden mit Ausnahme der Ärzte und der Judenältesten exekutiert. Z.T. ist diese Maßnahme noch im Gange. Nach Abschluß der Aktion werden im Ostland nur noch 500 Jüdinnen und Kinder vorhanden sein."
Bez. Weißrußland:
"Nach wie vor ist festzustellen, daß sich die Bevölkerung jeder Selbsthilfeaktion gegenüber den Juden enthält. Die Bevölkerung berichtet zwar einheitlich über den Terror durch die Juden, dem sie während des Sowjet-Regimes ausgesetzt war, oder sie beklagt sich über neue Übergriffe der Juden, findet sich aber trotzdem zu keinerlei Pogromen bereit.
Umso schärfer wird seitens der Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD gegen die Juden vorgegangen, die auf den verschiedensten Gebieten ein Einschreiten erforderlich machen. (...)
Vielfach wird die Erfahrung gemacht, daß die jüdischen Frauen ein besonders aufsässiges Verhalten an den Tag legen. Aus diesem Grunde mußten in Krugloje 28 und in Mogilew 337 Jüdinnen erschossen werden. (...)
In Bobruisk wurden 380 Juden erschossen, die bis zuletzt Hetz- und Greuelpropaganda gegen die deutschen Besatzungstruppen betrieben hatten.
In Tatarsk hatten die Juden das Ghetto eigenmächtig verlassen und kehrten in ihre alten Quartiere zurück, wobei sie versuchten, die inzwischen einquartierten Russen herauszutreiben. Sämtliche männlichen Juden sowie 3 Jüdinnen wurden erschossen. Bei der Einrichtung eines Ghettos in Sadrudubs leisteten die Juden teilweise Widerstand, so daß 272 Juden und Jüdinnen erschossen werden mußten. (...) Auch in Mogilew versuchten die Juden, ihre Übersiedlung in das Ghetto zu sabotieren. 113 Juden wurden liquidiert. (...)
222 Juden wurden wegen antideutscher Propaganda in Talka und 996 Juden in Marina Gorka erschossen, weil sie die von den deutschen Besatzungsbehörden erlassenen Anordnungen sabotierten. Weitere 627 Juden wurden bei Schklow erschossen, da sie an Sabotageakten beteiligt waren.
Wegen höchster Seuchengefahr wurde mit der Liquidierung der im Ghetto in Witebsk untergebrachten Juden begonnen. Es handelt sich um etwa 3000 Juden."
Betr. Ukraine:"Die Erbitterung der ukrainischen Bevölkerung gegen die Juden ist außerordentlich groß, da man ihnen die Schuld an den Sprengungen in Kiew zuschreibt. Auch sieht man in ihnen die Zuträger und Agenten des NKWD, die den Terror gegen das ukrainische Volk heraufbeschworen haben. Als Vergeltungsmaßnahme für die Brandstiftungen in Kiew wurden sämtliche Juden verhaftet und am 29. und 30.9. insgesamt 33771 Juden exekutiert. Geld, Wertsachen und Bekleidung wurden sichergestellt und der NSV zur Ausrüstung der Volksdeutschen und z.T. auch der kommissarischen Stadtverwaltung zur Überlassung an die bedürftige Bevölkerung zur Verfügung gestellt.
In Shitomir mußten 3145 Juden erschossen werden, da sie erfahrungsgemäß als Träger der bolschewistischen Propaganda und Sabotage in Betracht gezogen werden mußten. Als Sühnemaßnahme für Sabotageakte wurden in Cherson 410 Juden exekutiert.
Die Lösung der Judenfrage wurde insbesondere im Raum ostwärts des Dnjepr seitens der Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD energisch in Angriff genommen. Die von den Kommandos neubesetzten Räume wurden judenfrei gemacht. Dabei wurden 4891 Juden liquidiert. An anderen Orten wurden die Juden gekennzeichnet und registriert. Dadurch war es möglich, den Wehrmachtsdienststellen jüdische Arbeitergruppen in Stärke bis zu 1000 Personen für dringende Arbeiten zur Verfügung zu stellen."
(IMT, R-102)