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24.08.1942
Generalgouvernement
Regierungssitzung in Krakau.
Frank berichtet, daß vor wenigen Tagen bei Göring eine Sitzung stattgefunden habe, in der über die "geradezu katastrophale Entwicklung der Ernährungslage"
im Deutschen Reich gesprochen worden sei. Die Lage sehe so aus, "daß wir binnen kurzem, wenn nicht eine wesentliche Aufbesserung der Lebensmittellage (...) stattfinden kann, vor schwersten gesundheitlichen Schädigungen, vor allem des deutschen arbeitenden Menschen stehen. (...) Unter diesen Umständen wird es Sie nicht verwundern, daß nunmehr das Wort wahr zu werden beginnt: bevor das deutsche Volk in eine Hungerkatastrophe kommt, sind die besetzten Gebiete und ihre Bevölkerung dem Hunger auszuliefern."
Das GG habe sich daher zu zusätzlichen Lebensmittellieferungen in großem Umfang verpflichtet. "Die Folgerungen werden ausschließlich auf Kosten der fremdvölkischen Bevölkerung gezogen. Sie müssen eiskalt und ohne Mitleid gezogen werden."
Der Präsident der Hauptabteilung Ernährung und Landwirtschaft, Naumann, referiert zu einzelnen Gebieten der Ernährung und führt in diesem Zusammenhang aus: "Die Versorgung der bisher mit 1,5 Millionen Juden angenommenen Bevölkerungsmenge fällt weg, und zwar bis zu einer angenommenen Menge von 300.000 Juden, die noch im deutschen Interesse als Handwerker oder sonstwie arbeiten. Für diese sollen die jüdischen Rationssätze zuzüglich gewisser Sonderzuteilungen, die sich für die Aufrechterhaltung der Arbeitskraft als notwendig herausgestellt haben, beibehalten bleiben. Die anderen Juden, insbesamt 1,2 Millionen, werden nicht mehr mit Lebensmitteln versorgt."
Frank faßt am Schluß zusammen: "Bei allen Schwierigkeiten (...) müssen Sie immer daran denken, daß es noch viel besser ist, wenn ein Pole zusammenbricht, als daß der Deutsche unterliegt. Daß wir 1,2 Millionen Juden zum Hungertod verurteilen, sei nur am Rande festgestellt. Es ist selbstverständlich, daß ein Nichtverhungern der Juden hoffentlich eine Beschleunigung der antijüdischen Massnahmen zur Folge haben wird."
(IMT, PS-2233; Präg, S. 547ff)
Dänemark
Aufzeichnung des deutschen Gesandten und Reichsbevollmächtigten von Renthe-Fink mit dem dänischen Außenminister Scavenius.
Renthe-Fink versucht, Scavenius die Entlassung zweier hoher dänischer Regierungsbeamter "nahezulegen"
, weil sie Juden sind. Vorausgegangen war ein Besuch von SS-Brigadeführer Ohlendorf, zuvor Führer einer "Einsatzgruppe"
in der UdSSR. Ohlendorf hatte sich für eine Radikalisierung der deutschen Besatzungspolitik in Dänemark, besonders auch in der "Judenfrage"
, ausgesprochen.
Scavenius warnt Renthe-Fink, daß eine solche deutsche Einmischung bei den Dänen große Empörung und Unruhe verursachen würde. Maßnahmen gegen die Juden seien in Dänemark zur Zeit nicht durchzusetzen, weil die Dänen darin eine Verneinung ihrer Ideale sehen würden. "Auch Brigadeführer Ohlendorf habe ihm zugegeben, daß ein Volk nicht von heute auf morgen umgestellt werden könne, und daß es richtig sei, die Lösung des Judenproblems bis an das Ende des Krieges zu verschieben."
(ADAP, Serie E, Bd. III, Nr. 229)
25.08.1942
Niederlande/Auschwitz
Ein Deportationszug mit 519 Menschen aus dem niederländischen Lager Westerbork - 168 Frauen und Mädchen, 351 Männer und Jungen - kommt in Auschwitz an. 231 Männer und 38 Frauen werden in das Lager eingewiesen, die anderen 250 in den Gaskammern ermordet. (Czech, S. 286)
Ein Transport mit rund 1.000 Menschen geht aus Theresienstadt nach Minsk ab.
Von Rintelen an Unterstaatssekretär Luther.
Aufgrund seines Papier zur "Judenfrage"
vom 21. August habe Außenminister Ribbentrop entschieden:
- Vor der Aufnahme von Verhandlungen mit anderen Regierungen möge man ihn künftig informieren und seine Genehmigung abwarten.
- Bez. Rumänien könnten die bereits vereinbarten Maßnahmen durchgeführt werden.
- Bez. Ungarn solle vorläufig jede deutsche Initiative unterlassen werden.
- Bez. Bulgarien solle über die Anfang Juli erzielte Vereinbarung zunächst nicht hinausgegangen werden.
- Bez. Kroatien sei es Sache der kroatischen Regierung, sich mit den Italienern zu verständigen.
"Unterstützende Schritte der deutschen Botschaft in Rom in dieser Angelegenheit sollen vorerst zurückgestellt werden."
"Wegen der Juden italienischer Staatsangehörigkeit im besetzten Frankreich kann an die italienische Regierung herangetreten werden, um sie zu veranlassen, im Einvernehmen mit unseren Maßnahmen ihre Juden aus dem besetzten Frankreich zurückzuziehen oder deren Evakuierung nach dem Osten zuzustimmen. Eine einheitliche Handhabung sei aus militärischen und sonstigen Gründen unbedingt notwendig."
(ADAP, Serie E, Bd. III, Nr. 232)
26.08.1942
Kroatien/Auschwitz
Aus einem Zug mit kroatischen Juden werden in Auschwitz nach der "Selektion"
71 Männer und 88 Frauen als Häftlinge registriert. (Czech, S. 287)
Auch mit diesem Transport kamen vermutlich insgesamt 1.000 Menschen an, von denen die meisten unmittelbar in die Gaskammern geschickt wurden.
Frankreich
Aus dem französischen Lager Drancy werden 1.000 jüdische Menschen, darunter 518 Kinder, viele ohne ihre schon früher deportierten Eltern, nach Auschwitz eingeliefert. Nur 92 Männer werden als arbeitsfähig ausgewählt, die anderen in den Gaskammern ermordet. (Czech, S. 287)
Bulgarien
Die Regierung erweitert die antijüdischen Maßnahmen. Die Bestimmung, wer Jude ist, wird auf die Abstammung ("Rasse"
) ausgedehnt. Juden müssen ein Kennzeichen (Stern) tragen, sind in der Wahl der Wohnung nicht mehr frei, ihre beruflichen und wirtschaftlichen Möglichkeiten werden stark eingeschränkt, und die Liquidierung oder Enteignung jüdischer Unternehmen wird vorangetrieben.
Verlangt wird außerdem die "Aussiedlung"
der Juden Sofias in andere Landesteile oder ganz aus Bulgarien heraus. Als erste müssen alle arbeitslosen Juden die Hauptstadt bis zum 1. November 1942 verlassen.
Das Parlament billigte das Dekret im September 1942.
Die Juden wurden danach in bestimmten Wohngebieten, praktisch Ghettos, zusammengefaßt. Bis Ende März 1943 mußten 680 Familien (1.904 Menschen) Sofia verlassen und in der Provinz in anderen jüdischen Haushalten unterkommen.
Nach offizieller Zählung lebten im Sommer 1942 in Bulgarien 63.400 Juden, davon 51.500 in Alt-Bulgarien, 500 in der Süddobrudscha, 4.000 in Westthrakien, 7.200 in Makedonien und 200 in Pirot. (Benz, Dimension, S. 283-284)
27.08.1942
Auschwitz
Ein Deportationszug - vermutlich mit 723 Juden aus Luxemburg - kommt in Auschwitz an. Nur 82 Männer werden als arbeitsfähig ausgewählt, die anderen Menschen vermutlich ermordet. (Czech, S. 287)
Belgien
Aus dem Lager Malines werden 995 jüdische Menschen, darunter 232 Kinder, nach Auschwitz eingeliefert. Nach der "Selektion"
werden 114 Frauen und 101 Männer als Häftlinge registriert; die anderen 780 Menschen werden in die Gaskammern geschickt. (Czech, S. 288)
Ein Deportationszug aus Wien mit rund 1.000 Menschen geht nach Theresienstadt ab.
27. - 30.08.1942
Generalgouvernement
Aus dem Ghetto von Tarnopol (Galizien/Ukraine) werden über 3.000 Menschen, überwiegend Alte und Kranke, in das Vernichtungslager Belzec abtransportiert. Anfang September verkleinern die Deutschen das Ghettogebiet. (EdH, S. 1402)
28.08.1942
Frankreich/Auschwitz
Aus dem französischen Lager Drancy kommt ein Transport mit 1.000 jüdischen Menschen, darunter 320 Kinder, in Auschwitz an. Nur 27 Männer und 36 Frauen werden als arbeitsfähig ausgewählt, die anderen Menschen werden in den Gaskammern ermordet. (Czech, S. 288)
Frankreich
Der deutsche Botschafter in Paris, Abetz, an das Auswärtige Amt.
Es habe eine diplomatische Intervention des päpstlichen Nuntius in Vichy gegen die deutschen "Judenmaßnahmen"
gegeben. Laval sei darauf nicht eingegangen. Außerdem habe der Erzbischof von Toulouse die Geistlichen seiner Diözese angewiesen, in schärfster Form von den Kanzeln gegen die Deportation der Juden zu protestieren. Laval habe dem Papst mitteilen lassen, er verbitte sich eine derartige Einmischung in Angelegenheiten des französischen Staates. Falls die Kirche Juden Unterschlupf bieten würde, würde er sie von der Polizei herausholen lassen. (ADAP, Serie E, Bd. III, Nr. 242)
Rumänien
Der deutsche Gesandte in Bukarest, Killinger, an das Auswärtige Amt.
Killinger widerspricht der vom AA und vom RSHA verbreiteten Darstellung, die rumänische Regierung habe der Deportation der Juden aus ihrem Land durch die Deutschen bereits zugestimmt. Wenn das AA Lecca zu einem Gespräch empfangen hätte (s. 17.8.42), hätte man sich davon in Berlin selbst überzeugen können. (ADAP, Serie E, Bd. III, Nr. 244)
29.08.1942
Auschwitz
"Zur Bekämpfung der Flecktyphusepidemie"
werden 746 kranke Häftlinge in den Gaskammern ermordet. (Czech, S. 289)
30.08.1942
Niederlande/Auschwitz
Aus dem Lager Westerbork werden 608 jüdische Menschen nach Auschwitz eingeliefert. Keiner von ihnen wird als Häftling registriert; möglicherweise wurde ein Teil der Männer von der Organisation Schmelt für den Arbeitseinsatz übernommen. (Czech, S. 290)
Kroatien
Aus einem Deportationszug mit kroatischen Juden werden in Auschwitz nur 45 Männer und 31 Frauen als Häftlinge registriert. Vermutlich befanden sich auch in diesem Transport insgesamt 1.000 Menschen, von denen die meisten ermordet wurden. (Czech, S. 290)
31.08.1942
Frankreich/Auschwitz
Aus Drancy kommt ein Deportationszug mit 1.000 Menschen, darunter 280 Kinder, in Auschwitz an. Lediglich 71 Frauen werden als Häftlinge übernommen; die anderen Menschen werden in den Gaskammern ermordet.
Belgien
Aus Malines kommt ein Zug mit 1.000 jüdischen Menschen - 489 Frauen, 89 Mädchen, 332 Männer und 90 Jungen - in Auschwitz an. Niemand von ihnen wird als Häftling registriert, also wurden vermutlich alle Insassen des Zuges unmittelbar in die Gaskammern geschickt. Ebenso wie bei dem Transport aus Drancy wurden wahrscheinlich schon während der Fahrt jeweils etwa 200 Männer für den Einsatz in oberschlesischen Arbeitslagern aus dem Zug geholt. (Czech, S. 291)
Ein Transport mit rund 1.000 jüdischen Menschen geht aus Wien nach Minsk ab.
Frankreich
Der deutsche Botschafter Abetz an das Auswärtige Amt.
"Laval teilt mit, daß amerikanischer Geschäftsträger Tuck am 25. August vorgesprochen habe, um im Auftrag Roosevelts die Nichtanwendung der französischen Gesetze gegenüber den im unbesetzten Frankreich ansässigen Handelsfirmen amerikanischer Juden zu fordern. Er habe dieses Ansinnen als Einmischung in innerfranzösische Angelegenheiten zurückgewiesen."
Zugleich habe Tuck im eigenen Namen gegen die Deportation von Juden aus dem unbesetzten Teil Frankreichs protestiert, was Laval gleichermaßen zurückgewiesen habe. (ADAP, Serie E, Bd. III, Nr. 247)
WELTKRIEGSEREIGNISSE
31.08.1942
Beginn einer neuen deutsch-italienischen Offensive in Nordafrika mit Richtung auf den Suez-Kanal. Sie wird wegen zu großen britischen Widerstands bei El Alamein nach wenigen Tagen abgebrochen.