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01.07.1944
Ungarn
Während der letzten Juni-Tage und am 1. Juli werden in Budapest Tausende von Gendarmen zusammengezogen - angeblich zum Schutz eines am 2. Juli stattfindenden Staatsakts, tatsächlich aber zur Durchführung eines Putsches der extremen Rechten. Mit den Deutschen ist verabredet, daß ab 10. Juli wieder Deportationszüge fahren sollen.
Horthy läßt den Kommandanten der Palastgarde den Oberbefehl in Budapest übernehmen. Zahlreiche rechtsextreme Offiziere werden abgelöst, und ein Großteil der Gendarmerie-Einheiten wird aus der Stadt wegkommandiert.
Protektorat
Nach einem Besichtigungsbesuch im Ghetto Theresienstadt schreibt der Delegierte des Internationalen Roten Kreuzes, Rossel, an das Auswärtige Amt.
"Wir benützen diese Gelegenheit, um Ihnen (...) für die Organisation des Besuches in Theresienstadt unseren verbindlichsten Dank auszusprechen. Dank Ihrer Bemühungen wurden uns alle Erleichterungen gewährt. Die Reise nach Prag wird uns in bester Erinnerung bleiben und es freut uns, Ihnen nochmals versichern zu dürfen, daß unser Bericht über den Besuch von Theresienstadt für viele eine Beruhigung bedeuten wird, da die Lebensbedingungen zufriedenstellend sind." (ADAP, Serie E, Bd. VIII, Nr. 89)
02.- 03.07.1944
RK Ostland
Beim Näherkommen der sowjetischen Streitkräfte ermorden die Deutschen die jüdischen Zwangsarbeiter in den Lagern bei Wilna (Litauen); 150-200 Menschen können rechtzeitig flüchten.
Am 13. Juli wird Wilna befreit. In der Stadt, in der vor dem deutschen Überfall 75.000 Juden gelebt hatten, sammeln sich 2.-3.000 jüdische Überlebende aus Verstecken und Wäldern. (EdH, S. 1602-1603)
02.07.- 11.07.1944
Auschwitz
Auflösung des zweiten "Familienlagers"
in Auschwitz, in dem Deportierte aus Theresienstadt zu Täuschungs- und Propagandazwecken unter relativ etwas besseren Bedingungen untergebracht waren. Mehr als 3.000 Menschen werden in den Gaskammern getötet, 3.000 andere werden in verschiedene Arbeitslager geschickt.
Insgesamt lebten zu diesem Zeitpunkt noch etwa 10.000 Menschen in dem Lager - 3.256 aus den Transporten vom Dezember 1943, die übrigen aus Transporten vom Mai 1944. (Czech, S. 811)
03.07.1944
Großbritannien/Auschwitz
BBC meldet, daß 400.000 Juden aus Ungarn nach Deutschland deportiert und in den Gaskammern getötet worden seien; es bestehe die Befürchtung, daß die übrigen 350.000 ungarischen Juden das gleiche Schicksal erwarte. (Czech, S. 812)
04.07.1944
Frankreich/Auschwitz
Aus dem Lager Drancy werden 1.100 jüdische Menschen nach Auschwitz eingeliefert. 223 Frauen und 398 Männer werden als Häftlinge übernommen; die anderen 479 Menschen werden in den Gaskammern getötet. (Czech, S. 813)
05.07.1944
Ungarn
Das Auswärtige Amt übermittelt dem RSHA den Text eines aufgefangenen Telegramms der britischen Botschaft in Bern nach London.
Fast die Hälfte von insgesamt 800.000 Juden in Ungarn seien schon deportiert worden. Die meisten der Transporte seien nach Auschwitz geschickt worden, wo im Laufe der letzten zwei Jahre über 1.500.000 Juden aus allen Teilen Europas getötet worden seien.
Man solle diese Tatsachen an die Öffentlichkeit bringen und die ungarische Regierung warnen, daß man sie als verantwortlich ansehen werde. Außerdem werden folgende Vorschläge gemacht: Repressalien gegen Deutsche, die sich in den Händen der Alliierten befinden; Bombardierung der Eisenbahnlinien von Ungarn nach Auschwitz; gezielte Bombardierung der Mordanlagen; Bombardierung aller Regierungsgebäude in Budapest. (ADAP, Serie E, Bd. VIII, Nr. 97)
06.07.1944
Ungarn
Horthy hat im Einvernehmen mit Regierungschef Sztójay angeordnet, die Deportationen zu stoppen. Veesenmayer berichtet Ribbentrop, daß für diesen Schritt von ungarischer Seite folgende Gründe angeführt werden:
- In Rumänien erfolgten
"keine besonderen Maßnahmen gegen die dortigen Juden"
, und diese"verhältnismäßig großzügige Behandlung des Judenproblems"
werde von der deutschen Regierung geduldet. "Auch in der Slowakei gebe es noch tausende von Juden, die mit Billigung der Reichsregierung unter dem Schutz von Tiso stünden, insbesondere die christlichen Juden."
- Das Geschäft zwischen der SS und der Weiss-Familie (s. 17.5.44): Wenn die SS so etwas macht, habe auch Ungarn das Recht,
"zur Abmilderung der Judenfrage den besonderen Wünschen der einzelnen neutralen Staaten Rechnung"
zu tragen. - Die ungarische Führung stehe
"derzeit unter einem Trommelfeuer von Telegrammen, Appellen und Drohungen wegen der Judenfrage"
. - Aus von der ungarischen Abwehr entzifferten Geheimtelegrammen des englischen und des amerikanischen Gesandten in Bern an ihre Regierungen gehe hervor, daß Kenntnis über das Schicksal der deportierten Juden besteht. Es werde dort u.a. vorgeschlagen, alle mit den antijüdischen Maßnahmen befaßten ungarischen und deutschen Dienststellen gezielt zu bombardieren. (Braham, Destruction II, Nr. 187; ADAP, Serie E, Bd. VIII, Nr. 101)
Aufzeichnung Wagners, Auswärtiges Amt (Gruppe Inland II)
Wagner faßt die Bemühungen mehrerer Staaten zusammen, ungarischen Juden die Ausreise nach Palästina zu ermöglichen.
Schweiz bittet um Ausreisegenehmigung nach Palästina für 10.000 Kinder und 10 Prozent Erwachsene als Begleitpersonal, die über Rumänien per Schiff transportiert werden sollen.
"Im Hinblick auf die vom Reich bisher konsequent verfolgte Linie in der Judenpolitik - die darauf hinausgeht, eine Auswanderung von Juden möglichst zu unterbinden und, soweit sie zugelassen wird, von einer wertvollen Gegenleistung abhängig zu machen - sowie im Hinblick auf unsere Araber-Politik schlägt Gruppe Inland II vor, die ungarische Regierung durch Gesandten Veesenmayer zu bitten, den Schweizern und Amerikanern zu antworten, einer Auswanderung nach Palästina könne unter keinen Umständen zugestimmt werden, da Palästina nach diesseitiger Auffassung ein arabisches Land sei und es könne ungarischerseits nicht die Hand dazu geboten werden, daß die Araber aus ihrer Heimat durch Juden verdrängt würden. (..) Eine Rückantwort auf diese Stellungnahme dürfte erst in etwa 14 Tagen bis 3 Wochen zu erwarten sein und bis Ende dieses Monats ist die Judenaktion in Ungarn im gros abgeschlossen, so daß die Intervention dann im wesentlichen gegenstandslos geworden ist." (ADAP, Serie E, Bd. VIII, Nr. 100)
Internationale Politik
Vertreter der Jewish Agency übergeben dem britischen Außenminister Eden ein Memorandum mit Handlungsvorschlägen:
Die Alliierten sollten ihre Bereitschaft erklären, jüdische Flüchtlinge überall aufzunehmen, und sich in diesem Sinn auch um die Unterstützung neutraler Länder bemühen.
Es sollte eine scharfe Warnung an alle ungarischen Offiziere, Eisenbahner und an die Bevölkerung allgemein verbreitet werden, daß jeder, der sich an der Verfolgung, Deportation und Vernichtung der Juden beteiligt, als Kriegsverbrecher behandelt werden wird.
Die Vernichtungslager und die Bahnlinien dorthin sollten bombardiert und zerstört werden. (Bauer, Freikauf, S. 296)
07.07.1944
Auschwitz
Aus dem Theresienstadt-Familienlager werden 1.000 jüdische Frauen zum Arbeitseinsatz in das KL Sachsenhausen überstellt. (Czech, S. 815)
WELTKRIEGSEREIGNISSE
02.07.1944
Ungarn
Massiver Luftangriff der Alliierten auf Budapest.
03.07.1944
UdSSR
Die sowjetischen Streitkräfte befreien Minsk, die Hauptstadt Weißrußlands. In der Stadt, wo vor dem deutschen Überfall 80.000 Juden gelebt hatten, werden nur noch zehn jüdische Überlebende gefunden. (EdH, 950-953)