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24.11.1938
Gespräch Hitlers mit dem südafrikanischen Wirtschafts- und Verteidigungsminister Pirow.
Pirow versucht Hitler zu überzeugen, im Interesse einer Verständigung mit Großbritannien an einer erträglichen "Lösung der Judenfrage"
mitzuarbeiten. Dagegen führt Hitler (weitgehend unrichtig) aus: In Deutschland leben 141 Menschen auf dem Quadratkilometer. Neun Zehntel der in Deutschland lebenden Juden seien in den letzten Jahrzehnten aus dem Osten zugewandert. Obwohl sie nichts mitgebracht hätten, besäßen sie noch heute 4,6 mal so viel Vermögen pro Kopf wie ihre Gastgeber, und man verlange nun, daß ihnen dieses erraffte Geld mitgegeben werde.
"Aber das Problem würde in der nächsten Zeit gelöst werden. Dieses sei sein unerschütterlicher Wille. Es sei aber nicht nur ein deutsches, sondern ein europäisches Problem. Die Juden würden eines Tages aus Europa verschwinden."
Pirow trägt als Vorschlag vor: 1) Deutschland brauche keinen Pfennig Devisen zu zahlen, sondern es müßte nur für eine internationale Anleihe zur Finanzierung der jüdischen Auswanderung und Neusiedlung den Zinsendienst in Form von Handelsaustausch übernehmen. 2) Deutschland möge als Siedlungsgebiet eine seiner früheren Kolonien zur Verfügung stellen.
Hitler antwortet darauf rundum ablehnend. (ADAP, Serie D, Bd. IV, Nr. 271)
Artikel der SS-Zeitschrift "Das Schwarze Korps", "Juden, was nun?".
"Hätten wir die Judenfrage schon 1933 total und mit den brutalsten Mitteln gelöst, so wäre das Geschrei auch nicht ärger gewesen, als es seither stetig ist, da wir die Judenfrage Zug um Zug lösen, mit einzelnen Maßnahmen, zu denen die Juden selbst und ihre Freunde uns zwingen."
Deutschland habe aber 1933 nicht die miltärischen Mittel besessen, um sich auf einen internationalen Konflikt um die "Judenfrage"
einzulassen. Das sei heute anders, und keine Macht der Welt könne Deutschland daran hindern, "die Judenfrage nunmehr ihrer totalen Lösung zuzuführen"
.
"Das Programm ist klar. Es lautet: völlige Ausscheidung, restlose Trennung! (...) Die Juden müssen daher aus unseren Wohnhäusern und Wohnvierteln verjagt und in Straßenzügen oder Häuserblocks untergebracht werden, wo sie unter sich sind und mit Deutschen so wenig wie möglich in Berührung kommen. Man muß sie kennzeichnen und ihnen ferner das Recht nehmen, in Deutschland über Haus- und Grundbesitz oder über Anteile an diesem zu verfügen. (...)
Das in jeder Beziehung auf sich beschränkte Parasitenvolk wird aber in dieser Isolierung, da es zu eigener Arbeit weder willens noch fähig ist, verarmen! (...) Und wenn wir, was sich als notwendig erweisen wird, die reichen Juden zwingen werden, ihre 'armen' Rassegenossen zu erhalten, werden sie allesamt, ihrer ureigensten, blutbedingten Veranlagung gemäß, in die Kriminalität absinken. Dann möge aber niemand glauben, daß wir dieser Entwicklung ruhig zusehen können. Das deutsche Volk hat nicht die geringste Lust, in seinem Bereich Hunderttausende von Verbrechern zu dulden, die durch Verbrechen nicht nur ihr Dasein sichern, sondern auch noch Rache üben wollen! (...)
Im Stadium einer solchen Entwicklung ständen wir daher vor der harten Notwendigkeit, die jüdische Unterwelt genau so auszurotten, wie wir in unserem Ordnungsstaat Verbrecher eben auszurotten pflegen: mit Feuer und Schwert. Das Ergebnis wäre das tatsächliche und endgültige Ende des Judentums in Deutschland, seine restlose Vernichtung."
25.11.1938
Fernschreiben Himmlers an alle Gestapo-Stellen
Die am 9. November und den folgenden Tagen festgenommenen Juden, soweit sie arbeitsfähig sind und unter 60 sind, sollen in das nächstgelegene Konzentrationslager verlegt werden. (Walk, S. 259)
28.11.1938
Polizeiverordnung über das Auftreten der Juden in der Öffentlichkeit
- § 1 Die Regierungspräsidenten in Preußen, Bayern und in den sudetendeutschen Gebieten, die ihnen gleichstehenden Behörden in den übrigen Ländern des Altreichs, die Landeshauptmänner (der Bürgermeister in Wien) im Lande Österreich und der Reichskommissar für das Saarland können Juden deutscher Staatsangehörigkeit und staatenlosen Juden (...) räumliche und zeitliche Beschränkungen des Inhalts auferlegen, daß sie bestimmte Bezirke nicht betreten oder sich zu bestimmten Zeiten in der Öffentlichkeit nicht zeigen dürfen.
- § 2 Vorsätzliche oder fahrlässige Zuwiderhandlungen werden mit Geldstrafe bis zu 150 Reichsmark oder mit Haft bis zu sechs Wochen bestraft. (RGBl I, S. 1676)
Erlaß des Chefs der Sicherheitspolizei
Alle im Zusammenhang mit dem 9. November festgenommenen Juden, die Frontkämpfer im Weltkrieg waren, sind freizulassen. (Walk, S. 260)
Internationale Politik
Bericht des Leiters der Polit. Abt. im Auswärtigen Amt, Woermann:
Der amerikanische Geschäftsträger Gilbert habe ihm heute mitgeteilt, er sei von seiner Regierung beauftragt, "auf das Gespräch zurückzukommen, das der Herr Reichsminister (Außenminister Ribbentrop) kürzlich mit Botschafter Wilson über eine Verbindung mit Rublee (vom Evian-Komitee) gehabt habe. (...) Die Sache werde immer eiliger, da das in London eingesetzte Regierungskomitee demnächst eine Sitzung abhalten müsse."
Er habe Gilbert gesagt, es könne sich nur um eine private Fühlungnahme handeln; dazu gebe es bereits eine private deutsche Initiative. Möglicherweise werde demnächst an einem neutralen Ort ein Gespräch zwischen einem Deutschen und Rublee's Mitarbeiter Pell stattfinden. Es müsse aber "unter allen Umständen verhindert werden (...), daß über diese private erste Fühlungnahme irgendetwas in der Presse verlaute. (...) Ich könnte ihm versichern, daß die ganze Angelegenheit sofort ins Wasser falle, wenn irgendwelche Indiskretionen begangen würden."
(ADAP, Serie D, Bd. V, Nr. 651)
29.11.1938
Anordnung Himmlers
Gegen die Juden wird am "Tag der Nationalen Solidarität"
(3. Dezember) eine totale Ausgangssperre zwischen 12 und 20 Uhr verhängt, während der sie ihre Wohnungen nicht verlassen dürfen.
Die Maßnahme wird insbesondere damit begründet, daß an diesem Tag die NS-Führer auf Straßen und Plätzen für das Winterhilfswerk sammeln werden.
Australien
Der australische Innenminister gibt bekannt, daß sein Land in den nächsten drei Jahren 15.000 Flüchtlinge aus Europa aufnehmen werde. Jeder Einwanderer müsse über ein "Landungsgeld"
von 200 Pfund verfügen oder eine Garantie für seinen Lebensunterhalt durch eine Person oder eine Organisation in Australien nachweisen können. (AdG, S, 3827)
30.11.1938
Internationale Politik
Der deutsche Botschafter in London, Dirksen, übermittelt an Unterstaatssekretär Woermann vom Auswärtigen Amt einen Bericht über ein Gespräch des deutschen Journalisten Abshagen mit Pell, dem Vertreter Rublees im Evian-Komitee. (zum Hintergrund: s. Bericht Woermanns vom 28.11.38)
"Die Polnische Regierung sei in Sachen der polnischen Juden jetzt außerordentlich rührig und übe gewissermaßen eine Erpressung aus. Sie habe sowohl in Washington wie im Haag und auch hier Vorstellungen in dem Sinne erheben lassen, daß sie eine Regelung der Frage betreffend der aus Deutschland mit Ausweisung bedrohten polnischen Juden fordere, bevor die Flüchtlingsfrage der aus Deutschland auswandernden Juden in Angriff genommen würde. Erfolge nicht eine sofortige Regelung der polnischen Judenfrage, so würde die polnische Bevölkerung derartig in Erregung geraten, daß mit umfangreichen Judenverfolgungen auch in Polen zu rechnen sein würde."
Der amerikanische Außenminister Hull habe sich, lt. Pell, gegenüber diesem polnischen Vorstoß sehr scharf ablehnend geäußert. Die Politik der polnischen Regierung während der letzten Wochen habe in den USA und Großbritannien stärkste Mißbilligung ausgelöst. (...) "Mr. Pell meinte, die Polnische Regierung werde es noch einmal bitter bereuen, eine solche Politik getrieben zu haben; wenn einmal eine deutsch-polnische Auseinandersetzung sich ergeben würde, so würde kein Menschen einen Finger rühren, um Polen zu helfen."
(ADAP, Serie D, Bd. V, Nr. 652)