CHRONOLOGIE des HOLOCAUST

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Dezember 1942

Generalgouvernement

Einstellung der Transporte in das Vernichtungslager Belzec und Schließung des Lagers.

Zwischen Dezember 1942 und Frühjahr 1943 wurden die Massengräber geöffnet, die Leichen verbrannt und das Lager abgerissen, um die Spuren des Mordens zu verdecken. Anschließend wurden die letzten jüdischen Gefangenen, etwa 600 Menschen, nach Sobibor gebracht und dort ermordet. (EdH, S. 180)

01.12.1942

Norwegen/Auschwitz

Aus Bergen werden 532 Juden nach Auschwitz eingeliefert. 186 Männer werden als Häftlinge übernommen, die anderen 346 Menschen werden in den Gaskammern getötet. (Czech, S. 347)

02.12.1942

Niederlande/Auschwitz

Aus Westerbork kommt ein Deportationszug mit 826 Menschen in Auschwitz an. Lediglich 77 Männer werden als Häftlinge übernommen, während die anderen Angekommenen direkt in die Gaskammern geschickt werden.

Bezirk Bialystok

Aus dem Ghetto von Grodno werden etwa 1.000 Menschen nach Auschwitz eingeliefert. Nach der "Selektion" werden 60 Frauen und 178 Männer als Häftlinge registriert; die anderen etwa 760 Menschen werden in den Gaskammern ermordet. (Czech, S. 348)

Ungarn

Antwort der ungarischen Regierung auf eine am 17. Oktober übergebene deutsche Note zur "Lösung der Judenfrage".

Sie könne "nur einer solchen Regelung zustimmen, die auf alle Juden fremder Staatsangehörigkeit gleichmäßig Anwendung findet". Außerdem meldet sie ihren Anspruch auf das gesamte Vermögen der ungarischen Juden an.

"Die ungarische Regierung hat den gesamteuropäischen Charakter der Judenfrage nie angezweifelt. Sie ist aber der Ansicht, daß (...) die einzelnen souveränen Staaten selbst die zweckmäßigsten Formen der Lösung finden müssen."

Schließlich sei Ungarn der erste Staat gewesen, der schon 1920 antijüdische Maßnahmen einführte. Durch die Judengesetze von 1938 und 1939 sei der Anteil von Juden in der Presse und Schauspielkunst auf ihre Verhältniszahl beschränkt worden; tatsächlich sei er heute schon geringer als ihr Bevölkerungsanteil. Aus den geistigen Berufen seien die Juden "praktisch bereits vollkommen ausgeschaltet". Auch im Unterrichtswesen nähere sich ihr Anteil dem Nullpunkt.

Die Juden hätten am Wirtschaftsleben des Landes einen außerordentlich hohen Anteil gehabt. "Es ist allgemein bekannt, daß das Judentum in Ungarn die kaufmännischen und industriellen Beschäftigungszweige fast ausschließlich besetzt hatte."
Im Vergleich mit dieser Ausgangslage seien schon "außerordentliche Resultate" erreicht worden. Diese "tiefgreifende Umschichtung" sei aber in der angespannten Kriegssituation nur unter großen Schwierigkeiten durchzuführen.

"Die Judenfrage ist unter solchen Umständen zu einer Produktionsfrage geworden, die Aufrechterhaltung der Produktion ist aber ein gesamteuropäisches Interesse. (...) Neben diesem gemeinsamen Interesse erscheint es völlig belanglos, ob die vollständige Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben etwas früher oder etwas später vollzogen wird. Die Ausschaltung der Juden aus den Schlüsselstellungen ist bereits seit geraumer Zeit im Gange und wird in Kürze vollzogen werden."

"Eine besondere Kennzeichnung der Juden kann in Ungarn derzeit nicht in Betracht gezogen werden, da eine solche Maßnahme die Durchführung aller zweckentsprechenden Regierungsmaßnahmen zur Ausschaltung des Judentums nur erschweren könnte. Ihre Verhältniszahl in der Wirtschaft und in der Bevölkerung der Städte ist so außerordentlich hoch, daß ihr Hervortreten unzweifelhaft solche Leidenschaftsäußerungen entfesseln würde, die eine ernstliche Gefährdung der gesetzlichen und sozialen Ordnung nach sich ziehen müßten."

Für die von der Deutschen geforderte "Aussiedlung" der Juden besitze die ungarische Regierung nicht die technischen Mittel. "Mit einer Teillösung kann der Zweck solcher Maßnahmen keineswegs erfüllt werden, sie könnten aber sicherlich leicht Anlaß zu ernstlichen Unruhen bieten und würden jedenfalls beträchtliche Störungen in der Kriegswirtschaft des Landes hervorrufen." (ADAP, Serie E, Bd. IV, Nr. 245)

Juden in mindestens 29 Ländern der Welt trauern und protestieren mit einem Tag des Fastens und des Gebets gegen die deutschen Massenmorde.

03.12.1942

Südostpreußen/Auschwitz

Aus dem Ghetto in Plonsk (Regierungsbezirk Zichenau/Nordpolen) werden etwa 1.000 Menschen nach Auschwitz eingeliefert. 347 Männer werden als Häftlinge ünernommen, 653 Menschen in den Gaskammern getötet.

Die etwa 300 jüdischen Häftlinge, die im Sonderkommando zum Ausgraben und Verbrennen der Leichen aus den Massengräbern eingesetzt gewesen waren (s. 30.11.42), werden nach Abschluß der Arbeiten ermordet.

Ein Transport mit 93 Zigeunern kommt in Auschwitz an; wahrscheinlich werden sie ermordet. (Czech, S. 349)

Annektierte polnische Westgebiete

Reichsinnenminister Frick ordnet für Ostoberschlesien und die anderen "eingegliederten Ostgebiete" die Unterbringung "fremdvölkischer" Minderjähriger in Lagern an. Eingeliefert werden sollen nicht nur bettelnde Waisen und Kinder, deren Eltern in Lagern sind, sondern auch Kinder, die aus verschiedenen Gründen ihren Eltern geraubt wurden. Von den etwa 10.000 im Lauf der Zeit in das "Polenjugendverwahrlager Litzmannstadt" (Lodz) eingelieferten und zur Zwangsarbeit eingesetzten Kindern werden die meisten später in den Vernichtungslagern Chelmno/Kulmhof und Auschwitz-Birkenau ermordet. (Lodz, S. 280)

Ungarn

Bericht des Unterstaatssekretärs Luther, Auswärtiges Amt, über ein Gespräch mit dem ungarischen Gesandten Sztójay nach dessen Rückkehr aus Budapest.

"Schwierigkeiten bereiteten der Regierung, da sie auf das Parlament Rücksicht nehmen müsse, die Gerüchte über die Behandlung der Juden im Osten - die er (Sztójay) selbstverständlich nicht glaube. Der ungarischen Regierung aber würde ihre Aufgabe erleichtert, wenn von deutscher Seite versichert werden könnte, daß den Juden im Osten ein eigener Bezirk für den Aufenthalt zugewiesen würde. Ich habe erwidert, daß ich diese Zusicherung ohne weiteres bereits geben könne, allerdings sei der Aufenthaltsraum, der den Juden zunächst angewiesen würde, nicht als endgültig anzusehen. Im Laufe der Entwicklung würde ihnen ein Bezirk zum Daueraufenthalt zugewiesen werden. Gesandter Sztójay nahm diese Erklärung mit Genugtuung auf." (ADAP, Serie E, Bd. IV, Nr. 250)  

04.12.1942

Belgien

Unterstaatssekretär Luther vom Auswärtigen Amt an die Vertretung des AA beim Militärbefehlshaber in Belgien.

Mit Telegramm vom 9. Juli habe die Vertretung "dem geplanten Abtransport einer größeren Anzahl von Juden zugestimmt, auf der anderen Seite aber gebeten (...), von der Verschickung der Juden belgischer Staatsangehörigkeit zunächst abzusehen."

Wenn sich jetzt das Judentum in Belgien den deutschen Anordnungen entziehe, sich tarne oder untertauche, und sich zunehmend am aktiven Widerstand beteilige, "dann sollte ein energisches Zugreifen eine weitere Ausbreitung dieses Gefahrenherdes verhindern."

Luther schlägt daher vor, "die getroffenen Maßnahmen nunmehr auf alle Juden in Belgien auszudehnen und diese bis zur möglichen Durchführung der Transporte in Sammellagern zusammenzufassen."
Eine "durchgreifende Säuberung Belgiens von den Juden" müsse früher oder später sowieso erfolgen. Für sofortige Maßnahmen spreche, daß die bisherigen Deportationen die Bevölkerung an solche Maßnahmen gewöhnt und die Juden ohnehin aufgeschreckt hätten. "Die Tatsache, daß in den benachbarten Niederlanden das gesamte Judentum evakuiert wurde, dürfte in dieser Hinsicht den belgischen Juden keinen Zweifel gelassen haben. Neben der notwendigen Beseitigung der oben erwähnten Gefahren aber empfiehlt es sich, die Bevölkerung nicht in dauernder Unruhe zu halten, sondern die unvermeidlichen Maßnahmen in einem Zuge aufeinanderfolgend durchzuführen. Das Verschieben auf einen späteren Zeitpunkt könnte nur die unerwünschte Folge haben, die jetzt im Gange befindliche gegnerische Propaganda zu einer Zeit erneut wieder aufleben zu lassen, wenn sie innerhalb dieses Bereichs im wesentlichen zur Ruhe gekommen ist." (ADAP, Serie E, Bd. III, Nr. 254)

04. - 05.12.1942

Generalgouvernement

Mehrere Hundert Juden aus Bereshany (Ukraine) werden in das Vernichtungslager Belzec abtransportiert. (EdH, S. 186)

05.12.1942

Auschwitz

Nach einer "Selektion" im Frauenlager B Ia in Birkenau werden etwa 2.000 weibliche Häftlinge in den Gaskammern ermordet. (Czech, S. 351)

Italien/Griechenland

Unterstaatssekretär Luther vom Auswärtigen Amt an die deutsche Botschaft in Rom.

Über die Behandlung der Juden in Griechenland finden deutsch-italienische Besprechungen in Athen statt. Am 19. September sei der deutsche Bevollmächtigte angewiesen worden, als "vorläufiges Ziel" über die Kennzeichnung der Juden in Griechenland zu verhandeln. Der italienische Vertreter habe dazu aber bisher keine Anweisung aus Rom erhalten.

Der deutsche Botschafter soll deshalb das italienische Außenministerium noch einmal auf dieses Thema ansprechen, "da weitere Verzögerung jeglicher Maßnahmen bedenklich. Italienischer Bevollmächtigter selbst hätte einheitliches Vorgehen im Gesamtgebiet Griechenland befürwortet. Von ihm bereits erwähnte Ausnahmebehandlung etwa italienischer oder auch spanischer Juden könnte eingeräumt werden." (ADAP, Serie E, Bd. III, Nr. 259)

06.12.1942

Niederlande/Auschwitz

Aus dem Lager Westerbork kommt ein Deportationszug mit 811 Menschen in Auschwitz an. Nur 16 Männer werden als Häftlinge in das Lager eingewiesen, während alle anderen in den Gaskammern ermordet werden.

Südostpreußen

Aus dem Ghetto in Mlawa (Regierungsbezirk Zichenau/Nordpolen) werden etwa 2.500 Menschen nach Auschwitz eingeliefert. Nach der "Selektion" werden 406 Männer als Häftlinge registriert; die anderen etwa 2.094 Menschen werden in den Gaskammern getötet. (Czech, S. 352)

Nordafrika

Nachdem sie am 23. November die Führer der jüdischen Gemeinschaft Tunesiens verhaftet haben, setzen die Deutschen am 6. Dezember einen neuen "Judenrat" ein und verlangen von diesem die Bereitstellung von 2.000 Männern zur Zwangsarbeit.

Nachdem das Gremium nur 120 Männer zusammenbekam, griffen die Deutschen zu Massenfestnahmen und anderen Mitteln der Einschüchterung. Schließlich wurden insgesamt 5.000 tunesische Juden zur Zwangsarbeit eingezogen und in mehreren Lagern untergebracht. Italien setzte durch, daß seine jüdischen Staatsangehörigen ausgenommen blieben. (EdH, S. 1440; Benz, Dimension, S. 122)

07.12.1942

Generalgouvernement

Sitzung der Gouverneure (Bezirkschefs).

Gouverneur Dr. Fischer spricht über die kritische Lage in Warschau. "Wenn der neue Ernährungsplan durchgeführt werden solle, so bedeute das allein für die Stadt Warschau und ihre nächste Umgebung, daß 500.000 Menschen keine Verpflegung mehr bekämen."

Gouverneur Zörner berichtet über die Lage im Distrikt Lublin. "Die Judenaktion (d.h. die Deportationen), die zunächst im allgemeinen gut vonstatten gegangen sei, sei leider in den letzten Wochen überstürzt worden, mit dem Erfolge, daß ein großer Teil der Juden sich aus den Ghettos in die Wälder geflüchtet und sich auch Banden angeschlossen habe." (IMT, PS-2233; Präg, S. 582ff)