CHRONOLOGIE des HOLOCAUST

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24.04.1943

Rede Himmlers vor SS-Korpsführern

"Wir haben die Blutsfrage als erste wirklich durch die Tat beantwortet, wobei wir unter Blutsfrage natürlich nicht den Antisemitismus verstehen. Mit dem Antisemitismus ist es genauso wie mit der Entlausung. Es ist keine Weltanschauung, daß man die Läuse entfernt. Das ist eine Reinlichkeitsangelegenheit. Genauso ist der Antisemitismus für uns keine Weltanschauungsfrage gewesen, sondern eine Reinlichkeitsangelegenheit, die ja jetzt bald ausgestanden ist. Wir sind bald entlaust. Wir haben nur noch 20.000 Läuse, dann ist es vorbei damit in ganz Deutschland." (Geheimreden, S.200-201)

Dänemark

Der Reichsbevollmächtigte (Gesandte), Best, an das Auswärtige Amt.

Antijüdische Maßnahmen würden die Dänen als Angriff auf ihre eigenen Rechte und ihre Souveränität begreifen und daher ablehnen. Die Judenfrage spiele zudem in Dänemark quantitativ - bei nur etwa 6.000 Juden, überwiegend in Kopenhagen - und sachlich "eine so geringe Rolle, daß zur Zeit keine praktische Notwendigkeit für besondere Maßnahmen zu erkennen ist."

"Der Rüstungsstab Dänemark, den ich zur Ausschaltung der Juden aus den nach Dänemark verlagerten Rüstungsaufträgen aufgefordert habe, hat festgestellt, daß von etwa 700 beautragten Firmen nur 6 im Sinne der deutschen Judengesetzgebung als jüdisch zu bezeichnen waren."

Außer den dänischen Staatsbürgern leben in Dänemark 1.351 ehemals deutsche, jetzt staatenlose Juden, die bisher "keinerlei Anlaß zum Einschreiten gegeben" hätten. Auf sie träfen die erwähnten Argumente gegen antijüdische Maßnahmen ebenfalls zu. Anders wäre aber die psychologische Situation, wenn diese Flüchtlinge per Erlaß wieder die deutsche Staatsangehörigkeit bekämen: die Frage der dänischen Souveränität wäre dann nicht berührt. - Best schlägt vor, diese Möglichkeit zu prüfen. (ADAP, Serie E, Bd. V, Nr. 344)

25.04.1943

Zwölfte Verordnung zum Reichsbürgergesetz

Die Verordnung schafft zwei neue Kategorien: Staatsangehörige auf Widerruf und "Schutzangehörige" des Deutschen Reichs, die nicht Staatsangehörige sind - insbesondere die Polen in den annektierten Ostgebieten. Juden und Zigeuner können weder Staatsangehörige noch Staatsangehörige auf Widerruf oder Schutzangehörige sein. (RGBl I, S. 268ff)

26.04.1943

Griechenland/Auschwitz

Ankunft eines Deportationszugs mit 2.700 Menschen aus dem Ghetto von Saloniki in Auschwitz. 445 Männer und 193 Frauen werden in das Lager eingewiesen, die anderen 2.062 Menschen werden in den Gaskammern ermordet. (Czech, S. 477)

27.04.1943

Niederlande

Aus Westerbork geht ein Zug mit 1.204 jüdischen Menschen nach Sobibor ab.

Der Chef der Amtsgruppe D im WVHA, Glücks, informiert die Kommandanten der Konzentrationslager über die Entscheidung Himmlers, "daß in Zukunft nur noch geisteskranke Häftlinge durch die hierfür bestimmten Ärztekommissionen für die Aktion 14 f 13 ('Euthanasie'-Morde) ausgemustert werden dürfen. Alle übrigen arbeitsunfähigen Häftlinge (Tuberkulosekranke, bettlägerige Krüppel usw.) sind grundsätzlich von dieser Aktion auszunehmen. Bettlägerige Häftlinge sollen zu einer entsprechenden Arbeit, die sie auch im Bett verrichten können, herangezogen werden." (IMT, PS-1933)

In Auschwitz wird die Tötung schwerkranker Häftlinge durch  Phenolspritzen und Giftgas eingestellt. (Czech, S. 478-479)

28.04.1943

Griechenland/Auschwitz

Aus dem Ghetto in Saloniki werden 3.070 jüdische Menschen nach Auschwitz eingeliefert. 361 Frauen und 180 Männer werden als Häftlinge übernommen; 2.529 Menschen werden in den Gaskammern getötet.

128 jüdische Frauen aus Griechenland werden für Claubergs Sterilisationsexperimente in die "Versuchsstation" gebracht. (Czech, S. 479-480)

Geheimer Erlaß des RSHA

Die noch im kriegswichtigen Arbeitseinsatz tätigen Juden sind aus ihrem Beschäftigungsverhältnis herauszunehmen und zu melden, soweit sie für eine Evakuierung nach dem Osten oder eine Wohnsitzverlegung nach Theresienstadt in Frage kommen. Zur Vermeidung der Flucht sind die für die Abbeförderung vorgesehenen Juden geschlossen unterzubringen. Diejenigen, die dafür nicht in Frage kommen, sind im geschlossenen, jederzeit widerrufbaren Arbeitseinsatz unterzubringen. (Walk, S. 398)

Goebbels Tagebuch

"Ich schreibe meinen Artikel gegen die Juden fertig. Er wird einiges Aufsehen erregen. Es ist meiner Ansicht nach nötig, über die Judenfrage wieder ein maßgebliches Wort zu sprechen. Sie steht heute wieder im Brennpunkt des öffentlichen Interesses und wird vielfach auch in unseren Kreisen von einer ganz falschen Seite angefaßt. Umso notwendiger ist es, sie wieder grundsätzlich zur Diskussion zu stellen." (Fröhlich II, Bd. 8, S. 177)

29.04.1943

Griechenland

Aufzeichnung des Legationsrats Wagner, Auswärtiges Amt (Gruppe Inland II).

Kommandos des RSHA haben begonnen, die Juden aus der von der Wehrmacht besetzten Saloniki-Zone zu deportieren. Wegen der Juden mit nicht-griechischer Staatsangehörigkeit wurde Kontakt zu den betroffenen Regierungen in Rom, Ankara, Madrid, Bern, Budapest, Sofia und Lissabon aufgenommen. Ihnen wurde bis zum 15. Juni Frist gesetzt, ihre jüdischen Staatsbürger zurückzuholen.

Dabei hat sich hinsichtlich Italiens ergeben: In der Saloniki-Zone leben 281 ansässig, die einwandfrei italienische Staatsangehörige sind. In zunächst 48 zweifelhaften Fällen - unter  Ankündigung weiterer - hat das italienische Generalkonsulat verlangt, die Betroffenen als Italiener zu behandeln.

Italien hat mit einer Note vom 22. April - unter Hinweis auf seine Interessen in dem Gebiet und auf die hervorragende Stellung, die Juden dort auf dem Gebiet des Handels- und Finanzwesens haben - gefordert, die Feststellung der italienischen Staatsangehörigkeit ausschließlich italienischen Stellen zu überlassen. Daraufhin sei sofort angewiesen worden, zunächst von Maßnahmen gegen diese Juden abzusehen.

Gruppe Inland II hält es aber, "sofern nicht besondere politische Gründe dies notwendig erscheinen lassen", aus folgenden Gründen nicht für vertretbar, den italienischen Wunsch zu erfüllen:

  1. Auch Finnland und Schweden seien bemüht, einzelnen Juden durch Neueinbürgerung die Ausreise aus dem deutschen Machtbereich zu ermöglichen. Den Schweden sei schon Ende März mitgeteilt worden, daß Neueinbürgerungen nicht mehr anerkannt werden könnten. Ein Zugeständnis an Italien würde einen Präzedenzfall schaffen.
  2. "Bei allen Balkanstaaten hat sich in letzter Zeit die ablehnende Haltung gegenüber judenfeindlichen Maßnahmen versteift. Ein Nachgeben gegenüber den Italienern würde diese Tendenz weiterhin fördern und als Schwächezeichen von uns gewertet werden."
  3. Das Ansehen des Reichs in Griechenland würde erheblich beeinträchtigt, wenn zugelassen würde, daß Italien "geschäftlich besonders einflußreiche und wohlhabende Juden" vor dem deutschen Zugriff schützt.

Gruppe Inland II schlägt daher vor, den Italienern mitzuteilen, daß "selbstverständlich" die Klärung der Frage der Staatsangehörigkeit den italienischen Stellen überlassen bleibe. Aus grundsätzlichen Erwägungen und um keine Präzedenzfälle zu schaffen, könnten jedoch Juden, die zur Zeit die italienische Staatsangehörigkeit nicht besitzen, nicht von den allgemeinen Judenmaßnahmen ausgenommen werden, auch dann, wenn Anträge auf Gewährung oder Wiederverleihung der italienischen Staatsangehörigkeit noch laufen. (ADAP, Serie E, Bd. V, Nr. 358)

Anweisung des Reichspressechefs an die deutsche Presse

Die "Judenfrage" soll zu einem ständigen, täglich zu behandelnden Thema gemacht werden. (Walk, S. 398)

Goebbels Tagebuch

Hitler fordere "von der Presse härtere Angriffe gegen das internationale Judentum. Daß diese bisher noch nicht im gewünschten Stil stattgefunden haben, ist in der Hauptsache auf die Bremsarbeit des Reichspressechefs (Dietrich) zurückzuführen. Er möchte die Presse, wie er immer sagt, seriöser gestaltet wissen als früher in der Kampfzeit. Ich stehe hier absolut auf seiten des Führers. (...) Die Judenfrage ist neben der Frage des Antibolschewismus das Europa bewegende Problem. Wenn wir hier stur und eigensinnig beim einmal eingeschlagenen Kurs bleiben, so werden wir zweifellos den Erfolg auf unserer Seite haben." (Fröhlich II, Bd. 8, S. 181)

30.04.1943

Auschwitz

Ein Transport mit österreichischen Zigeunern kommt in Auschwitz an. 47 Frauen und Mädchen sowie 48 Männer und Jungen werden als Häftlinge registriert. (Czech, S, 481)

Ungarn

Memorandum Veesenmayers "Das Judenproblem in Ungarn". (Veesenmayer ist zu dieser Zeit "Sonderbeauftragter" des Auswärtigen Amts in Slowakien).

"Der Schlüsselpunkt für die defaitistische Einstellung der maßgeblichen Kreise in Ungarn und die weitgehende Sabotage des gemeinsamen Kriegszieles ist vorwiegend im Judentum Ungarns zu suchen." - Die Juden beeinflußten nicht nur das gesamte Wirtschaftsleben maßgeblich, sondern seien "auch in allen übrigen Sparten mehr oder minder dominierend."

Aus folgenden Gründen sei Ungarn zur Zufluchtstätte der europäischen Juden geworden:

  1. Der Grundzug der ungarischen Bevölkerung sei Defaitismus; die Angst vor Luftangriffen reiche bis in national-oppositionelle Kreise hinein. "Man sieht daher in dem starken Anteil und der Bedeutung des Judentums den besten Garanten, um vor jedem ernsten Luftangriff geschützt zu sein."
  2. "Die derzeitige ungarische Regierung, das Judentum und breite Schichten des Bürgertums glauben nicht an den Sieg der Achsenmächte und wünschen ihn auch nicht." - Sie setzen auf die Amerikaner und erwarten von ihnen "auf Grund ihrer gastfreundlichen Einstellung zum Judentum Schonung und wohlwollende Behandlung. Sie sehen im Judentum einen Garantieschein für den Schutz der 'ungarischen Belange' und glauben, durch die Juden den Nachweis führen zu können, daß sie diesen Krieg nur gezwungenermaßen an der Seite der Achsenmächte geführt haben."

Die Stellung der Juden habe sich unter der Regierung Kallay wesentlich verstärkt. "Kallay selbst hat sich nachweislich neuerdings dahingehend geäußert, daß er das Unrecht seines Vorgängers in der Judenfrage wieder gutzumachen bestrebt sei, da alle Maßnahmen gegen das Judentum, außenpolitisch gesehen, als Verbrechen gegen Ungarn von ihm angesehen würden."

Ungarn leiste auf allen Gebietes der Kriegführung nur einen Bruchteil des Möglichen. Das gelte insbesondere auch auf wirtschaftlichem Gebiet. Praktisch überall handele es sich dabei um "latente Sabotage". Das Judentum provoziere künstlich eine Inflation und sorge für eine "ungeheure Gerüchtebildung aller Art". Dadurch sei "eine Demoralisierung und Korruption entstanden, die alle vorstellbaren Maße weit übertrifft und keine Bevölkerungsschicht ausnimmt." (ADAP, Serie E, Bd. VI, Nr. 43)