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Oktober 1942
Dänemark
Der Reichsbevollmächtigte v. Renthe-Fink wird durch SS-Brigadeführer Best abgelöst. Dieser setzt zunächst im Wesentlichen die Politik seines Vorgängers fort: Erhalt der breiten Regierungskoalition unter Ausschluß der dänischen Nationalsozialisten; Zurückhaltung in der "Judenfrage"
, obwohl der Judenreferent des Auswärtigen Amtes, Rademacher, eine Verschärfung der Maßnahmen befürwortete.
Niederlande
Neue große Razzien zur Füllung der Deportationszüge. Alle jüdischen Männer aus den Arbeitslagern werden ins KL Westerbork, den Ausgangspunkt der Deportationszüge, verlegt.
Generalgouvernement
In Drogobytsch (Ukraine) wird Anfang Oktober ein Ghetto errichtet, in das rund 10.000 Juden gesperrt werden, darunter die Überlebenden der jüdischen Gemeinden der Umgebung. Deportationen beginnen am 23./24. Oktober.
01.10.1942
Aus Wien geht ein Deportationszug mit rund 1.300 Menschen nach Theresienstadt ab.
Auschwitz
Im Frauenlager B Ia in Birkenau wird eine "Selektion"
durchgeführt; 2.000 weibliche Häftlinge werden in die Gaskammern geschickt. (Czech, S. 312)
02.10.1942
Frankreich/Auschwitz
Aus Drancy werden 210 Juden nach Auschwitz eingeliefert. 22 Frauen und 34 Männer werden als Häftlinge registriert, die anderen 154 Menschen werden in den Gaskammern getötet. (Czech, S. 313)
Der Transport war nur aus "Prestigegründen" gegenüber den französischen Stellen abgefahren; das Soll von 1.000 Menschen pro Zug war bei weitem nicht erreicht worden. Im Oktober fanden keine Deportationen aus Frankreich statt. Der Transportplan konnte vor allem deshalb nicht realisiert werden, weil die Vichy-Regierung nicht in gewünschter Weise kooperierte.
Im Frauenlager B Ia in Birkenau wird erneut eine "Selektion"
durchgeführt; 2.012 weibliche Häftlinge werden in die Gaskammern geschickt. (Czech, S. 313)
Schreibens Himmlers an Pohl (Chef des Wirtschaftsamts der SS, WVHA), Krüger (Polizei- und SD-Chef im Generalgouvernement), Globocnik (Verantwortlicher für die Vernichtungslager im GG) und Wolff (Leiter von Himmlers Persönlichem Stab).
Betr. die geplante Ersetzung jüdischer Arbeitskräfte durch Polen.
- "Ich habe angeordnet, die ganzen sogenannten Rüstungsarbeiter, die lediglich in Schneider-, Pelz- und Schusterwerkstätten arbeiten, (...) an Ort und Stelle, d.h. also in Warschau, Lublin, in KL zusammenzufassen. Die Wehrmacht soll ihre Bestellungen an uns geben und wir garantieren ihr den Fortgang der Lieferungen für die von ihr gewünschten Bekleidungsstücke. Gegen alle diejenigen jedoch, die glauben, hier mit angeblichen Rüstungsinteressen entgegentreten zu müssen, die in Wirklichkeit lediglich die Juden und ihre Geschäfte unterstützen wollen, habe ich Anweisung gegeben, unnachsichtlich vorzugehen.
- Die Juden, die sich in wirklichen Rüstungsbetrieben, also Waffenwerkstätten, Autowerkstätten, usw. befinden, sind Zug um Zug herauszulösen. Als erste Stufe sind sie in den Betrieben in einzelnen Hallen zusammen zu fassen. Als zweite Stufe dieser Entwicklung ist die Belegschaft dieser einzelnen Hallen im Austausch tunlichst in geschlossenen Betrieben zusammen zu tun, so daß wir dann lediglich einige geschlossene Konzentrationslager-Betriebe im Generalgouvernement haben.
- Es wird dann unser Bestreben sein, diese jüdischen Arbeitskräfte durch Polen zu ersetzen und die größere Anzahl dieser jüdischen KL-Betriebe in ein paar wenige jüdische KL-Großbetriebe tunlichst im Osten des Generalgouvernements zusammenzufassen. Jedoch auch dort sollen eines Tages dem Wunsche des Führers entsprechend die Juden verschwinden." (Heiber, Himmler-Briefe, S. 151-152)
Rumänien
Der deutsche Gesandte in Bukarest, Killinger, an das Auswärtige Amt.
Die USA ließen kürzlich den Rumänen eine Protestnote gegen die Vertreibung von Juden aus Rumänien nach Transnistrien überreichen. Die amerikanische Regierung drohe mit Repressalien gegen in den USA lebende Rumänen, falls die Deportationen nicht eingestellt würden. Am 16. September habe der rumänische Ministerrat getagt und hinsichtlich des amerikanischen Protests beschlossen, "das Judenproblem in Rumänien gemäß den hier gefaßten Beschlüssen restlos zu lösen und keinerlei von außen kommende Interventionen zu beachten"
. (ADAP, Serie E, Bd. IV, Nr. 5)
03.10.1942
Niederlande/Auschwitz
Ankunft eines Deportationszugs aus Westerbork mit 1.014 Menschen in Auschwitz. Eine erste "Selektion"
, bei der wahrscheinlich etwa 300 Männer für oberschlesische Arbeitslager aus dem Zug geholt wurden, fand schon unterwegs statt. In Auschwitz werden 33 Frauen und 29 Männer als Häftlinge in das Lager übernommen; etwa 650 Menschen werden in den Gaskammern ermordet.
Aus dem Frauenlager BIa in Birkenau werden nach einer "Selektion"
1.800 Frauen in die Gaskammern geschickt. (Czech, S. 313)
Aus Berlin werden 811 jüdische Menschen nach Reval (Lettland) deportiert.
04.10.1942
Rede Görings im Berliner Sportpalast
"Noch eines möchte ich dem deutsche Volke sagen und in ihre Herzen einbrennen: Was würde denn das Los des deutschen Volkes sein, wenn wir diesen Kampf nicht gewinnen würden. (...) Wird der Krieg verloren, dann bist du vernichtet. Der Jude steht mit seinem nie versiegenden Haß hinter diesem Vernichtungsgedanken. (...) Dieser Krieg ist nicht der zweite Weltkrieg, dieser Krieg ist der große Rassenkrieg. (...) Der Jude ist hinter allem, und er ist es, der uns den Kampf auf Tod und Verderben angesagt hat. Und darin mag sich keiner täuschen und glauben, er könne nachher ankommen und sagen: 'Ich bin immer ein guter Demokrat unter diesen gemeinen Nazis gewesen'. Er wird den einen wie den anderen behandeln. Denn seine Rachsucht gilt dem deutschen Volk. Keine Spaltung, kein Mißtrauen darf aufkommen, auch keine idiotischen Gerüchte dürfen nachgeplappert werden. Denn auch der macht sich schuldig, selbst wenn er es auch nur - wie so oft - aus Dummheit tut." (Bankier, S. 225)
05.10.1942
Transport aus Wien mit rund 550 Menschen nach Minsk.
RK Ukraine
Das Anfang April 1942 errichtete Ghetto von Dubno wird von den Deutschen "liquidiert"
. Ungefähr 3.000 Juden werden erschossen.
06.10.1942
Auschwitz
Aus dem KL Ravensbrück werden 622 weibliche Häftlinge, darunter 522 jüdische Frauen, nach Auschwitz eingeliefert. (Czech, S. 315)
Ungarn
Aufzeichnung des Unterstaatssekretärs im Auswärtigen Amt, Luther.
Er habe am 5. Oktober mit dem ungarischen Gesandten in Berlin, Sztójay, ein Gespräch "zur Judenfrage"
geführt und ihm dabei u.a. gesagt:
- Ungarische Juden in den besetzten Gebieten. Die Sicherheit der deutschen Truppen lasse nicht zu, Juden irgendeiner Nationalität von den allgemeinen antijüdischen Maßnahmen auszunehmen. Deutschland sei daher an alle in Frage kommenden Regierungen mit der Bitte herangetreten, bis zum 31. Dezember den deutschen Judenmaßnahmen zuzustimmen oder ihre jüdischen Staatsangehörigen zurückzuholen. Wegen der Behandlung des Vermögens ungarischer Juden in den besetzten Gebieten sei Deutschland zu Verhandlungen bereit.
Sztójay habe gefragt, ob die gleichen Maßnahmen hinsichtlich der Juden italienischer Staatsangehörigkeit in den von Deutschland besetzten Gebieten ergriffen worden seien, was Luther bejaht habe. Sztójay habe gemeint, daß seine Regierung unter diesen Umständen Widerspruch nicht erheben würde, aber unbedingt treuhänderisch an den vermögensrechtlichen Maßnahmen beteiligt werden wolle. - Ungarische Juden in Deutschland. Auch hier wird die ungarische Regierung vor die Alternative gestellt, den allgemeinen antijüdischen Maßnahmen zuzustimmen oder ihre jüdischen Staatsbürger zurückzuholen.
"Hinsichtlich der Vermögensregelung schlagen wir das Territorialprinzip vor, d.h. wir behalten das Vermögen der ungarischen Juden in Deutschland und Ungarn dasjenige der ehemals reichsdeutschen Juden in Ungarn."
- Behandlung der
"Judenfrage"
in Ungarn. Deutschland drängt auf folgende Maßnahmen:"Fortschreitende Gesetzgebung mit dem Ziel der Ausschaltung aller Juden aus dem kulturellen und dem Wirtschaftsleben, Kennzeichnung der Juden, Aussiedlung nach dem Osten im Benehmen mit uns, mit dem Endziel einer restlosen Erledigung der Judenfrage in Ungarn"
.
Die Frage Sztójays, ob dieselben Forderungen auch an Italien gestellt würden, wird von Luther bejaht. Sztójay werde um den 18. Oktober herum in Budapest sein und dann die ganze Angelegenheit eingehend mit dem Ministerpräsidenten und eventuell auch mit Horthy besprechen, der "größtes Verständnis für unsere Wünsche aufbringe"
. Ungarn habe unter den Juden besonders schwer zu leiden gehabt. Juden hätten in allen wichtigen Zweigen der ungarischen Wirtschaft einflußreiche Positionen eingenommen; daher sei es nicht leicht und erfordere einige Zeit, die "endgültige Bereinigung dieser Frage"
durchzuführen.
Sztójay weist darauf hin, daß der ungarische Ministerpräsident Kállay "besonders an der Frage interessiert ist, ob den Juden nach ihrer Evakuierung im Osten eine weitere Existenz ermöglicht würde. Es gingen manche Gerüchte in dieser Beziehung um, die er natürlich persönlich nicht glaube, dagegen sei Ministerpräsident Kállay hierüber etwas beunruhigt. er wolle sich nicht den Vorwurf machen lassen, die ungarischen Juden nach ihrer Evakuierung dem Elend oder noch Schlimmerem überantwortet zu haben. Meine Antwort, daß alle evakuierten Juden (...) im Osten zunächst zum Straßenbau Verwendung fänden und später in einem Judenreservat untergebracht werden würden, beruhigte ihn sichtlich."
Luther fügt, da Sztójay mehrmals die Gleichbehandlung der deutschen Verbündeten problematisierte, seinem Bericht die Bemerkung an, es scheine ihm "von besonderer Bedeutung zu sein, daß wir die italienische Regierung dazu veranlassen, auch ihrerseits endlich die Judenfrage zu einer endgültigen Lösung zu bringen. (...) Ich werde in den nächsten Tagen eine Notiz über den Stand der Judenfrage in Italien und die von uns der italienischen Regierung zweckmäßigerweise zu unterbreitenden Anregungen bzw. Wünsche vorlegen."
(...) (ADAP, Serie E, Bd. IV, Nr. 6)
Der Chef der Sicherheitspolizei und des SD, Heydrich, teilt mit, daß voraussichtlich im Laufe des Monats November mit der Aussiedlung von Polen aus dem Distrikt Lublin begonnen werde, um dort Raum für die Ansetzung von "Volksdeutschen"
aus Osteuropa zu schaffen. - Die Arbeitsfähigen unter diesen Polen sollen im Reichsgebiet, insbesondere Berlin, anstelle der "abzulösenden"
Juden in Rüstungsbetrieben eingesetzt werden. (IMT, L-061)
07.10.1942
Niederlande/Auschwitz
Aus Westerbork werden 2.012 jüdische Menschen nach Auschwitz eingeliefert. Eine erste "Selektion"
, bei der wahrscheinlich etwa 500 Männer für verschiedene Arbeitslager ausgewählt wurden, fand schon während der Fahrt statt. In Auschwitz werden nur noch 58 Frauen und 40 Männer als Häftlinge registriert. Etwa 1.414 Menschen aus diesem Transport werden zusammen mit aus dem Lager "selektierten"
weiblichen Häftlingen in den Gaskammern ermordet. (Czech, S. 316)
Juden wird jeder direkte oder mittelbare Verkehr mit fremden diplomatischen Vertretungen sowie mit nichtjüdischen Ausländern verboten. (Walk, S. 389)
Einrichtung einer Kriegsverbrechen-Kommission der Vereinten Nationen. Präsident Roosevelt kündigt an, es sei das Ziel seiner Regierung, daß die erfolgreiche Beendigung des Krieges Bestimmungen über die Auslieferung der Kriegsverbrecher an die Vereinten Nationen einschließen müsse. (FRUS, vol. V, S.177/178)