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Ökonomie und Politik der "Endlösung"

Ökonomie und Politik der "Endlösung"

Vor zehn Jahren stießen Susanne Heim und Götz Aly mit ihrem Beitrag zur "Ökonomie der ,Endlösung`" (1) eine Diskussion an, die bis heute in der deutschen Linken noch nicht richtig angekommen ist. Mit ihrem 1991 erschienenen Buch über die "Vordenker der Vernichtung" (2) legten sie weiteres umfangreiches Material vor und vertieften ihre Hypothesen. 1995 führte Götz Aly mit seinem Buch "Endlösung" (3) zusätzliche Gesichtspunkte und vor allem eine völlig neue Schwerpunktsetzung ein, die im Grunde seine bisher gemeinsam mit Susanne Heim vertretene Argumentation relativiert.

Im Zentrum der früheren Deutung standen die Ausführungen deutscher Wissenschaftler, die (schon vor dem Krieg) von einer eklatanten "Überbevölkerung" Osteuropas - besonders in der Landwirtschaft und den agrarischen Gebieten - ausgingen. Die Zahl der "Überzähligen" wurde beispielsweise für verschiedene Regionen Polens zwischen 50 und 75 Prozent der Bevölkerung beziffert.

50 Millionen "Ballastexistenzen"

Diese "Überbevölkerung" wurde als entscheidendes Hemmnis einer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Effektivierung und Modernisierung, d.h. einer kapitalistischen Organisierung und Ausbeutung Osteuropas für deutsche Interessen, betrachtet. Der nationalsozialistische Ökonom Meinhold schrieb 1941, daß in Südosteuropa 12 bis 15 Millionen agrarische Arbeitskräfte "in Bewegung gesetzt" werden könnten. Zusammen mit ihren Familienangehörigen errechnete Meinhold eine Gesamtzahl von annähernd 50 Millionen Menschen, die "aus dem Bereich ihrer bisherigen annähernd geschlossenen Hauswirtschaft herausgerückt" werden könnten. Für Polen kam Meinhold zu der Schlußfolgerung, daß jeder zweite Mensch in der Landwirtschaft "nichts als toten Ballast" darstelle. (4)

Besonders die massenhaft verarmte jüdische Bevölkerung Osteuropas wurde von diesen Wissenschaftlern als Störfaktor einer kapitalistischen Durchorganisierung und Modernisierung betrachtet. Die "Entjudung" galt ihnen deshalb als Mittel zur ökonomischen Rationalisierung, beispielsweise durch die massenhafte Stillegung von kleinen und handwerklichen Betrieben zugunsten weniger größerer Einheiten, wie nach dem Anschluß Österreichs (1938) in Wien praktiziert.

Insgesamt stellte sich bei solchen bevölkerungspolitischen Berechnungen die Frage, was mit den Millionen von "Ballastexistenzen" künftig geschehen sollte. Die projektierte modernisierte kapitalistische Gesellschaft würde sie nicht ohne weiteres aufnehmen können, und ein Bedarf an ausländischen Arbeitskräften war auch im Deutschen Reich - abgesehen von den Sonderbedingungen des Krieges - nicht gegeben. Darauf gründeten sich Pläne - die dann teilweise auch in die Praxis umgesetzt wurden -, den "Bevölkerungsüberschuß" durch Massendeportationen und schließlich auch durch Massenmord entscheidend zu reduzieren.

Der erstmals 1941 ausgearbeitete und danach fortgeschriebene sog. Generalplan Ost sah die "Aussiedlung" von bis zu mehr als 50 Millionen Menschen aus den besetzten osteuropäischen Ländern und Gebieten vor. Aber "Aussiedlung" wohin? Für die Behandlung der Juden handelte es sich schon 1941 nur um eine euphemistische Umschreibung des Massenmords. Was die anderen Völker oder Bevölkerungsteile anging, bestand die Fiktion, sie nach der militärischen Zerschlagung der Sowjetunion "weit nach Osten abzuschieben", etwa nach Sibirien. Die Realisierung hätte allerdings bedeutet, daß an den künftigen deutschen Ostgrenzen ein - aus nationalsozialistischer Sicht gesehen - Risikopotential entstanden wäre. Daher muß bezweifelt werden, ob der Begriff der "Aussiedlung" gegenüber den slawischen Völkern ernstgemeint war, oder ob er nicht auch dort nur zur Kaschierung von Genozid-Absichten diente.

Ideologisches Vernichtungsprogramm

Ein großes Verdienst der Arbeiten von Heim/Aly liegt darin, daß sie - mit viel neuem Material - den deutschen Völkermord an den Juden in den allgemeinen Kontext einer imperialistischen, d.h. auch durchaus rationalen, zweckorientierten Politik zurückgeführt haben. Sie stellten sich damit gegen den Mainstream einer zunehmend entpolitisierten, isolierten Interpretation des Holocaust.

Zugleich ist die nahezu ausschließlich ökonomische und sozialpolitische Betrachtung der nationalsozialistischen "Bevölkerungspolitik" aber auch eine entscheidende Schwäche ihrer Arbeiten. Wie in dem Titelwort von den Vordenkern bereits zum Ausdruck kommt, stellen Heim/Aly die Dinge überwiegend so dar, als wären die Vertreter eines allseitigen "Modernisierungsprogramms" unter den deutschen Wissenschaftlern die entscheidenden Triebkräfte zum Völkermord an den Juden gewesen. Heim/Aly scheinen die Rolle der rassistischen Ideologie und der nationalsozialistischen Spitzenpolitiker in diesem Prozeß sehr gering zu schätzen. Da sie diesen Aspekt in ihren Arbeiten durchgehend vernachlässigt oder fast völlig ausgeblendet haben, muß dies wohl als Absicht und Ausdruck einer bestimmten Sichtweise verstanden werden.

Dem Völkermord an den Juden lag ein ideologisch begründetes Vernichtungsprogramm zugrunde, das seine Motive und seine internen Legitimierungen in erster Linie gerade nicht aus der Sphäre kapitalistischer Wirtschafts- und Bevölkerungspolitik bezog. Daher ist es nicht verwunderlich, daß die deutschen Nationalsozialisten diesen Völkermord total betrieben, also auch dort, wo die Argumentation mit der "Überbevölkerung" oder mit anderen wirtschaftlichen Gesichtspunkten von vornherein keine Rolle spielen konnte, etwa im Deutschen Reich selbst und in den besetzten Ländern Westeuropas. Die ökonomische Argumentation stellte gewiß eine wichtige Brücke zwischen den nationalsozialistischen Ideologen einerseits und den rationalistisch orientierten Wissenschaftlern, Beamten usw. andererseits dar. Daraus auf eine führende oder maßgebliche Rolle der letzteren bei der Planung und Durchsetzung des Holocaust zu schließen, ist jedoch falsch.

Auch der Generalplan Ost mit der geplanten "Aussiedlung" von 30, 40 oder 50 Millionen "slawischen Untermenschen" wird mißverstanden, wenn er in erster Linie als Produkt einer zwar barbarischen, aber irgendwie eben doch auch "modernen", an kapitalistischen Kriterien orientierten Bevölkerungspolitik gedeutet wird. Das rassistisch begründete Ziel des deutschen Nationalsozialismus, die slawischen Völker Osteuropas und der Sowjetunion bis auf kleine assimilierbare Reste zu vernichten und den eroberten Großraum systematisch zu "germanisieren", d.h. mit Deutschen, Niederländern und Skandinaviern zu besiedeln, ist mit einer rein ökonomischen Interpretation nicht angemessen zu erfassen.

Platz für die Volksdeutschen

In seinem jüngsten Buch "Endlösung" hat Götz Aly einen neuen Schwerpunkt gesetzt. Im Zentrum stehen die engen Zusammenhänge zwischen der "Heimholung" und Ansiedlung der sog. Volksdeutschen aus Osteuropa einerseits und der Entwicklung der nationalsozialistischen Vertreibungs- und Vernichtungspolitik andererseits. Die Radikalisierung der Behandlung der Juden durch die Deutschen in den Jahren 1939-41 bis hin zum Massenmord wird von Aly als Folge des Scheiterns der deutschen Umsiedlungspläne interpretiert.

Insgesamt wurden bis 1944 mehr als 900.000 Volksdeutsche aus Osteuropa einschließlich der UdSSR umgesiedelt, in erster Linie wohl in die unmittelbar ins Deutsche Reich eingegliederten früheren westpolnischen Gebiete - nach Ostoberschlesien und in den sog. Reichsgau Wartheland, die Region um Posen/Poznan. (5) Knapp die Hälfte, 435.000 Menschen, wurden in der Zeit vom September 1939 bis zum 1. November 1940 umgesiedelt. (5 b)

Am Anfang dieser Entwicklung stand die organisierte, geschlossene "Rücksiedlung" der deutschen Minderheiten aus allen Gebieten, die Deutschland im Geheimabkommen mit der UdSSR 1939 als sowjetische Interessensphäre anerkannt, das hieß praktisch zur Annexion durch die UdSSR freigegeben hatte. Das betraf zunächst Lettland, Estland und (in der zweiten Jahreshälfte 1940) Litauen mit insgesamt etwa 130.000 Baltendeutschen sowie Teile Rumäniens. Auch aus dem besetzten Polen, dem sog. Generalgouvernement, wurden kleine deutsche Volksgruppen umgesiedelt.

Auf den ersten Blick erscheint es verblüffend und widersprüchlich, daß die Nationalsozialisten alteingesessene Deutsche oder "Deutschstämmige" aus Gebieten abzogen, die wenig später, im Zuge des Eroberungskrieges gegen die Sowjetunion, doch wieder zur "Germanisierung", also auch zur massenhaften Ansiedlung von Deutschen, vorgesehen waren. Hierfür kommen mehrere mögliche Gründe in Betracht:

1. Die Nationalsozialisten hatten von den meisten osteuropäischen Volksdeutschen keine hohe Meinung. Sie galten als zwar im Grundsatz integrationsfähig, aber doch mehr oder weniger slawisiert und rassisch unzuverlässig. Ihre Assimilation sollte im Reichsgebiet bzw. in den unmittelbar ins Reich eingegliederten früheren westpolnischen Gebieten erfolgen, während für die "Germanisierung" der eroberten Gebiete im Osten nur Menschen aus dem Deutschen Reich, teilweise auch aus Skandinavien und den Niederlanden, vorgesehen waren, die im nationalistischen Sinn eine rassische Elite darstellen sollten.

2. Die umgesiedelten Volksdeutschen sollten Löcher stopfen, die durch die geplante Vertreibung von Polen und Juden aus den eingegliederten ehem. westpolnischen Gebieten entstehen würden.

3. Sie dienten in der Praxis den deutschen Dienststellen als "Verfügungsmasse" (6), um Vertreibungs- und zum Teil auch schon Mordaktionen damit zu begründen, daß für die volksdeutschen Umsiedler Platz geschaffen werden müsse.

Das Scheitern der "Völkerverschiebung"

Wie Aly ausführlich darstellt, mißlang die "Rücksiedlung" - zunächst der Baltendeutschen - auf ganzer Linie. Zehntausende waren noch Monate nach ihrer "Heimholung" in Aufnahmelagern und improvisierten Notquartieren untergebracht. Aly gibt ihre Zahl für den Winter 1940/41 mit rund einer Viertelmillion Menschen in 1.500 Umsiedlerlagern an. Parallel dazu scheiterten auch die kurzatmig angesetzten, oft schon innerhalb weniger Wochen wieder korrigierten Vertreibungsprogramme gegen die Polen und Juden der ins Reich eingegliederten ehem. westpolnischen Gebiete. Nach den Angaben Eichmanns waren bis März 1941 "nur" wenig mehr als 400.000 Menschen aus den neuen Reichsgauen ins Generalgouvernement abgeschoben worden. (7) Bis zu fünf Millionen hätten es nach den maximalen Planzahlen eigentlich sein sollen.

Erst das Scheitern aller miteinander verknüpften Umsiedlungs- und Vertreibungspläne habe dann "in einem zweiten Schritt zum Bau und Betrieb der Vernichtungslager" geführt, behauptet Aly. (8) Aufgrund seiner Untersuchungen meint er zu "erkennen, wie die Zwänge, die sich aus der deutschen Kriegführung, dem Heim-ins-Reich der Volksdeutschen und dem damit verbundenen Aus- und Ansiedeln ergaben, immer wieder die jeweils gedachte Form des Projekts 'Lösung der Judenfrage' beeinflußten und zu immer radikaleren Entwürfen führten". (9) Bei der Entscheidung zur Ermordung der europäischen Juden habe es sich folglich "nicht um einen jähen, voluntaristischen Akt des Diktators und seiner Satrapen" gehandelt, "sondern um einen politischen Entscheidungsprozeß, der sich über viele Monate hinzog" (10).

In dem alten Streit zwischen den "Intentionalisten" und den "Funktionalisten" stellt Götz Aly sich nun ausdrücklich auf die Seite der letzteren. Ihrer Ansicht nach entwickelte sich die Entscheidung zum Massenmord an den Juden in einem "System kumulativer Radikalisierung" (11). Das heißt, die von ihnen selbst geschaffenen Probleme und Sachzwänge hätten die deutschen Nationalsozialisten schließlich zum Völkermord an den Juden geführt, ohne daß es dafür eine festmachbare, datierbare Entscheidung gegeben habe.

Diese Interpretation läßt beiseite, worauf die "Intentionalisten" mühelos und unbestreitbar verweisen können: Die Vernichtung der Juden war von den Nationalsozialisten a priori - unabhängig von den konkreten Entwicklungen, die sich im Verlauf der großen "Völkerverschiebung" ergaben - beabsichtigt.

Erstens ging die NS-Ideologie grundsätzlich von einem bevorstehenden finalen Entscheidungskampf zwischen jüdischer und deutscher (germanischer) "Rasse" aus, in dem es letzten Endes nur um die Vernichtung der einen durch die andere gehen konnte. Das Ausmaß, in dem diese Weltsicht das praktische Handeln der deutschen Spitzenpolitiker tatsächlich beeinflußte und bestimmte, wird von Autoren, die vom historischen Materialismus herkommen, oft unterschätzt.

Zweitens hatte Hitler schon zu Anfang des Jahres 1939 in öffentlicher Rede angekündigt, daß es im Fall eines neuen Weltkriegs zur "Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa" kommen würde (12). Daß Hitlers Drohung damals anscheinend weltweit als metaphorisch mißverstanden wurde, mag gerade eben noch erklärlich erscheinen, da Hitler im Fortgang seiner Rede den Eindruck erweckte, als meine er lediglich eine propagandistische Auseinandersetzung mit "dem Weltjudentum". Nach Auschwitz aber sollte für die Deutung, der Völkermord an den Juden habe sich irgendwie spontan aus dem Durcheinander der deutschen Dienststellen und aus selbst produzierten Desastern ergeben, eigentlich kein Platz mehr sein. Statt dessen müßte die schrittweise Radikalisierung der deutschen "Judenpolitik" in erster Linie in Beziehung gesetzt werden zur Ausweitung des Krieges. (13) Anders gesagt: Nachdem Heim/Aly zu Recht und mit Nutzen den Blick auf die bis dahin vernachlässigte "Ökonomie der Endlösung" gelenkt haben, wäre es an der Zeit, auch die zugrundeliegende Politik zu betrachten.

Die Annahme, daß die Entwicklung mehr oder weniger spontan so verlaufen sei, wie von Hitler "vorausgesagt", geht möglicherweise der von Hitler selbst produzierten und gepflegten Sichtweise auf den Leim. Seine Vernichtungsdrohung nannte Hitler konsequent eine "Prophezeiung", ganz so, als wäre er nicht selbst der maßgebliche Befehlsgeber für alle wesentlichen Stadien des Völkermords gewesen. Er sah sich gern als der mit einer genialen Intuition begabte "Prophet", der anfangs höhnisch verlacht wurde und am Ende doch immer wieder Recht behielt. Als mit der "Vorsehung" zuverlässig im Bunde ließ er sich auch mit großem Vergnügen öffentlich feiern.

Hitlers Rolle im Entscheidungsprozeß

Götz Aly hat ganz sicher recht, daß Hitler in die Eskalation zum Holocaust bemerkenswert selten und knapp eingriff - verglichen mit der Akribie und autodidaktischen Besessenheit, die er manchmal sogar minimalen Details der Kriegführung und Waffentechnik widmete. Auch dem folgenden Satz würde ich weitgehend, wenn auch nicht absolut zustimmen: "Die Rolle Hitlers läßt sich (...) nicht als die des unerbittlichen Befehlsgebers beschreiben, sondern als die eines Politikers, der seinen Leuten freie Hand ließ, sie ermunterte, Phantasie zu entwickeln, um das unmöglich Erscheinende doch möglich zu machen, und der sie bedingungslos deckte." (14)

Problematischer scheint mir die Behauptung: "Eines Führerbefehls bedurfte es dafür nicht, ja, er wäre kontraproduktiv gewesen. Hitler wirkte an dem Konsens mit, stellte Forderungen, bedeutete den Exekutoren, daß sie sich an keinerlei tradierte Norm zu halten brauchten, sondern jede, aber auch jede Art der ,Lösung` praktizieren dürften - er befahl nicht. Tatsächlich handelte es sich um einen offenen Entscheidungsprozeß zwischen den Spitzenvertretern der einschlägigen Institutionen einerseits und deren nachgeordneten Mitarbeitern andererseits." (15)

Zum einen war der Entscheidungsprozeß nicht offen, sondern mußte nach dem Willen Hitlers zur gegebenen Zeit auf die physische Vernichtung der Juden hinauslaufen. Zweitens waren die nachgeordneten Dienststellen selbstverständlich nicht frei, jede von ihnen für zweckmäßig gehaltene "Lösung" zu dem ihnen gerade passend erscheinenden Zeitpunkt zu praktizieren.

Die Eskalation der deutschen "Judenpolitik" war von der Berücksichtigung vieler anderer Faktoren abhängig, nicht zuletzt auch von außenpolitischen und kriegsstrategischen Erwägungen. Hitler hatte sich zweifellos strikt vorbehalten, daß jeder wesentliche Eskalationsschritt seine Zustimmung benötigte. (16) Ebenso lag die letzte Entscheidung bei Meinungsverschiedenheiten zwischen den Dienststellen - und diese waren in der Tat sehr zahlreich und gewichtig - immer bei Hitler. War dann ein "Führerentscheid" zustande gekommen, so war es für die unterlegene Seite kaum noch möglich, diesem offen entgegenzuhandeln.

An vielen Punkten der Entwicklung von der Vertreibungs- zur Vernichtungspolitik gegen die Juden griff Hitler unmittelbar und eigeninitiativ mit Anweisungen ein, an deren Befehlscharakter auch dann nicht zu zweifeln ist, wenn sie gelegentlich in die damals durchaus übliche Formulierung gekleidet wurden, es sei "des Führers Wunsch", daß so gehandelt werden solle. Hinreichend belegt ist insbesondere, daß der Übergang zur Ermordung von jüdischen Frauen und Kindern in der Sowjetunion im August 1941 - bis dahin waren "nur" Männer und männliche Jugendliche ermordet worden - mit dem Vorliegen eines Führerbefehls begründet und im Zweifelsfall auch legitimiert wurde. (17)

Die Vorstellung, daß sich die scheinbar so allmächtigen Nationalsozialisten bei ihrer Um- und Aussiedlungspolitik in einem Gestrüpp von Pannen und Kompetenzstreitereien verstrickt hätten, entbehrt sicher nicht eines gewissen Charmes. Sie bedarf aber wohl der Relativierung und der Skepsis.

Wenn beispielsweise das vorgebliche Projekt eines "Judenreservats im Raum Lublin" (Ostpolen) im Oktober 1939 innerhalb weniger Wochen, schon nach den allerersten Deportationen von ein paar tausend Menschen, abgebrochen wurde, so kann das kaum noch als "Scheitern" interpretiert werden, wie Aly es tut. Sinnvoller ist die Annahme, daß es sich von Anfang an nicht um ein ernstgemeintes Vorhaben, sondern nur um das erste Erproben von Deportationstechniken und die Einstimmung aller beteiligten Dienststellen darauf gehandelt hat.

Ähnliches gilt für das im Sommer 1940 nur wenige Wochen lang erörterte "Madagaskar-Projekt". Dabei ging es um den Abtransport aller europäischen Juden nach Madagaskar, das eine Art KZ-Insel werden sollte. Aly, der sich über die Ernsthaftigkeit dieses "Projekts" auch schon einmal skeptischer geäußert hat, scheint es in seinem jüngsten Buch plötzlich ganz ernst zu nehmen. Weit wahrscheinlicher ist die Annahme, daß der "Madagaskar-Plan" von Anfang an nur Tarnung und Spielmaterial war. (18)

Ein gewisses Maß an Realitätssinn sollte man den nationalsozialistischen Politikern und Beamten wohl zutrauen. Wahrscheinlich wußten sie recht genau im Voraus, was passieren würde, wenn man mehrere hunderttausend Menschen - zudem bevorzugt die nicht Arbeitsfähigen - aus den ins Reich eingegliederten ehem. polnischen Westgebieten ins Generalgouvernement hineinstopfte, zugleich aber vom Generalgouvernement die Abstellung einer hohen Zahl von polnischen Zwangsarbeitern ins Reich und obendrein große Lieferungen an Lebensmitteln usw. verlangte.

Und die Umsiedlung der Volksdeutschen, deren Scheitern Aly als wesentliche Triebkraft für die Radikalisierung der deutschen "Judenpolitik" interpretiert? Durch nichts waren die Nationalsozialisten überhaupt genötigt gewesen, sich dieses Problem mit den daraus resultierenden "Sachzwängen" aufzuhalsen.

In der konkreten Argumentation sah es oft so aus, daß die Zwangsaussiedlung von Polen und Juden (wie auch die Ermordung von Geisteskranken) mit präzisen Notwendigkeiten begründet (und gerechtfertigt) wurde, für eine bestimmte, auf die letzte Stelle genau bezifferte Anzahl von Baltendeutschen, Galiziendeutschen usw. Platz schaffen zu müssen. Die Unterbringung von mehreren zehntausend Volksdeutschen in Lagern und Notquartieren unterstrich scheinbar die Dramatik der Lage. Aber daß die Juden vollständig und die Polen überwiegend aus den neuen Reichsgauen "verschwinden" sollten, stand von vornherein als erklärtes Ziel fest und ergab sich keineswegs erst aus der Entwicklung heraus. Die Umsiedlung der Volksdeutschen war ein ergänzendes Element der "Germanisierung", bildete also insoweit mit der Vertreibungspolitik einen logischen Zusammenhang, war aber in überhaupt keiner Weise deren Ursache.

Knut Mellenthin

ak - analyse & kritik, Zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 405 / 28.08.1997

 

Anmerkungen

1) Susanne Heim und Götz Aly: Die Ökonomie der "Endlösung". Menschenvernichtung und wirtschaftliche Neuordnung. In: Beiträge zur nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik 5; Rotbuch Verlag Berlin, 1987.

2) Götz Aly und Susanne Heim: Vordenker der Vernichtung. Auschwitz und die deutschen Pläne für eine neue europäische Ordnung. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1991.

3) Götz Aly: "Endlösung". Völkerverschiebung und der Mord an den europäischen Juden. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 1995.

4) Aly/Heim, Vordenker, S. 111-112.

5) Nach offiziellen Angaben, die im Juli 1944 veröffentlicht wurden, wurden bis dahin insgesamt 908.000 Volksdeutsche "in das Reich rückgesiedelt". (Archiv d. Gegenwart, S. 6462).

5 b) Aly/Heim, Vordenker, S. 501.

6) Den Begriff "Verfügungsmasse" verwendet Karl Heinz Roth, als kritischen Einwand gegen die Darstellung Alys, in einer Rezension, die in Nr. 2/1997 der Zeitschrift "1999" erschienen ist.

7) Aly, Endlösung, S. 18.

8) Aly, Endlösung, S. 17.

9) Aly, Endlösung, S. 397.

10) Aly, Endlösung, S. 25.

11) Ein Begriff des Historikers Hans Mommsen, den Götz Aly als "tragfähig" bezeichnet. (Endlösung, S. 398)

12) Reichstagsrede Hitlers am 30. Januar 1939. "Ich bin in meinem Leben sehr oft Prophet gewesen und wurde meistens ausgelacht. In der Zeit meines Kampfes um die Macht war es in erster Linie das jüdische Volk, das nur mit Gelächter meine Prophezeiungen hinnahm, ich würde einmal in Deutschland die Führung des Staates und damit des ganzen Volkes übernehmen und dann unter vielen anderen auch das jüdische Problem zur Lösung bringen. Ich glaube, daß dieses damalige schallende Gelächter dem Judentum in Deutschland unterdes wohl schon in der Kehle erstickt ist. Ich will heute wieder ein Prophet sein: Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in- und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann würde das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa."

13) Propagandaminister Goebbels notierte am 13. Dezember 1941, wenige Tage nach der deutschen Kriegserklärung an die USA, ins Tagebuch: "Bezüglich der Judenfrage ist der Führer entschlossen, reinen Tisch zu machen. Er hat den Juden prophezeit, daß, wenn sie noch einmal einen Weltkrieg herbeiführen würden, sie dabei ihre Vernichtung erleben würden. Das ist keine Phrase gewesen. Der Weltkrieg ist da, die Vernichtung des Judentums muß die notwendige Folge sein." (Fröhlich, II.2, S. 498-499)

14) Aly, Endlösung, S. 396.

15) Aly, Endlösung, S. 390.

16) Man beachte beispielsweise im Protokoll der Wannsee-Konferenz (20.1.42) die Formulierung: "Anstelle der Auswanderung ist nunmehr als weitere Lösungsmöglichkeit nach entsprechender vorheriger Genehmigung durch den Führer die Evakuierung der Juden nach dem Osten getreten". ("Evakuierung nach dem Osten" bedeutete in erster Linie Deportation in die Vernichtungslager.)

17) Vgl. dazu insbesondere: Ralf Ogorreck, Die Einsatzgruppen und die "Genesis der Endlösung", Metropol Verlag, Berlin 1996.

18) Zwei Hauptzwecke sind dabei zu vermuten: Erstens bot der "Madagaskar-Plan" Gelegenheit, alles Zahlenmaterial über die Juden in Europa auf deren geschlossene "Evakuierung" hin zu bündeln und die notwendigen Berechnungen über die Durchführung eines so gigantischen Transportunternehmens anstellen zu lassen. Zweitens ließ sich das Phantomprojekt in einem problematischen Zeitraum - als Vertreibungen, Enteignung, Verelendung und Ghettoisierung der Juden vor allem im Generalgouvernement eine sehr kritische Lage geschaffen hatten, aber der nächste Schritt zur Massenvernichtung noch nicht für opportun gehalten wurde - zur Vertröstung der untergeordneten Dienststellen einsetzen.