CHRONOLOGIE des HOLOCAUST

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Berlin 1936 - Goebbels goes Olympia

Berlin 1936
Goebbels goes Olympia

Vor sechzig Jahren, vom 1. bis 16. August 1936, fanden in Berlin die XI. Olympischen Spiele statt. Es waren die bis dahin größten und "schönsten" Spiele: Noch nie kamen so viele Zuschauer zusammen. Noch nie verfolgten weltweit so viele Menschen (angeblich über 300 Millionen) die Ereignisse am Rundfunkgerät. Die Bewältigung der Organisationsprobleme entsprach allen Erwartungen an deutsche Gründlichkeit und Präzision. Und natürlich war das Olympiastadion mit Platz für 100.000 Menschen die größte Sportanlage der Welt.

Berlin 1936 begründete die Tradition, daß Olympische Spiele jedesmal noch unendlich viel größer und "schöner" zu sein haben als alle vorangegangenen. Eine weitere Linie, die 1936 in Berlin begann, ist die Instrumentalisierung des Sports bis zum Äußersten. Hinzugetreten ist inzwischen als eindeutiges Zentrum des Gesamtkunstwerks Olympia die kommerzielle Werbung.

Noch bis wenige Wochen vor der Eröffnung der Olympischen Spiele verliefen die Ereignisse im Deutschen Reich in den gewohnten Bahnen, die das Land seit Januar 1933 eingeschlagen hatte:

Am 7. Juli 1936 wurde bekannt gegeben, daß Juden nicht mehr Wirtschaftsprüfer sein durften. Damit war man ihrem absoluten Ausschluß aus dem deutschen Berufs- und Wirtschaftsleben wieder einen Schritt näher gekommen.

Am 10. Juli wurde in Hamburg der Kommunist Edgar Andre wegen illegaler Parteiarbeit zum Tod verurteilt. Die Hinrichtung erfolgte erst ein Vierteljahr nach Abschluß des olympischen Spektakels.

Am 11. Juli wurde angeordnet, daß "Mischlinge" in der Wehrmacht nicht mehr auf Vorgesetztenpositionen gelangen durften; "Volljuden" wurden völlig vom Wehrdienst ausgeschlossen.

Am 12. Juli wurde das Konzentrationslager Sachsenhausen (Provinz Brandenburg) "in Betrieb genommen".

Am 24. Juli begann mit der Entsendung mehrerer Kriegsschiffe die deutsche Intervention im Spanischen Bürgerkrieg.

Am 27. Juli starteten auf dem Berliner Flughafen Tempelhof die ersten Transportmaschinen, mit denen Francos Putschtruppen von Nordafrika auf das spanische Festland gebracht werden sollten.

Am 28. Juli wurde in Berlin der Internationale Sportärztekongreß eröffnet. Innenminister Frick sprach über die Erziehung der Sportjugend zu Erbgesundheit und Rassereinheit.

Am 31. Juli wurde in Bayern verfügt, daß kein jüdischer Religionsunterricht mehr stattfinden durfte.

Unmittelbar vor Beginn der Spiele wurden zur Bereinigung des Stadtbilds von Berlin die "Zigeuner" eingefangen und in ein Lager gesperrt. Sie blieben dort, bis sie einige Jahre später direkt zur Vernichtung weitertransportiert wurden.

Und dann endlich war es so weit: Am 1. August erklärte Hitler nach Reden des Reichsjugendführers Schirach, des Reichssportführers Tschammer und des Propagandaministers Goebbels die XI. Olympischen Spiele der Neuzeit für eröffnet. Am gleichen Tag flogen die ersten 86 deutschen "Freiwilligen", Vortrupp der späteren Legion Condor, nach Spanien ab. Seit Januar 1933 hatten annähernd 100.000 Juden das Land verlassen, in dem sich ihnen kaum noch eine Überlebensmöglichkeit bot und in dem sie auf Tausenden von Schildern als "unerwünscht" zurückgewiesen wurden. Seit 1935 waren die Juden auch ganz offiziell ohne staatsbürgerliche Rechte. Ehen zwischen Juden und "Ariern" waren verboten, "Rassenschande" war zum Verbrechen erklärt worden.

Nicht, daß dies der übrigen Welt alles völlig gleichgültig gewesen wäre. Vor allem in den USA und in Frankreich wurde sehr ernsthaft über einen Boykott der Berliner Spiele diskutiert. Im Olympischen Komitee der USA fiel die Entscheidung erst im Dezember 1935 mit denkbar knapper Mehrheit. Aber am Ende war die Staatenwelt dann doch bis auf die Sowjetunion und Spanien vollständig vertreten. Und die Regie des Reichspropagandaministeriums kam den Gästen weit entgegen, um die Illusion von "unpolitischen", heiteren, friedensverheißenden Spielen mit nach Hause nehmen zu können.

Schon vor den Olympischen Winterspielen in Garmisch-Partenkirchen, im Februar 1936, hatte diese Regie dafür gesorgt, daß alle öffentlichen Signale des Antisemitismus aus dem Straßenbild verschwanden: Die "Juden unerwünscht"-Schilder an Restaurants und Hotels, die Hunderte von Tafeln, die dem Vorbeifahrenden ein "Judenfreies Dorf" oder auch schon mal eine "Judenfreie Stadt" anzeigten, die Schaukästen, in denen Streichers unglaubliches Hetzblatt "Der Stürmer" zum Lesen ausgehängt war. Am 27. Januar wurde die Presse strikt angewiesen, in nächster Zeit keine Meldungen über Zusammenstöße mit Ausländern oder über Angriffe auf Juden zu bringen.

Das Spiel wiederholte sich, sehr viel umfassender und gründlicher, im Sommer 1936. Schon am 2. Juli erhielt die Presse Goebbels' Aufruf zur Olympiade, mit der Anweisung, der Text müsse "an hervorragender Stelle in allen Zeitungen gebracht werden". Die erwarteten Hunderttausende ausländischer Gäste sollten, so hieß es da, "ein besonders glänzendes Beispiel deutscher Gastfreundschaft erleben". Jeder Deutsche müsse "seine Ehre dareinsetzen (...), den ausländischen Besuchern (...) zuvorkommend gegenüberzutreten und, wenn sie einer Hilfe bedürfen, ihnen mit Rat und Tat Beistand zu leisten."

Am 7. Juli wurde die Presse nachdrücklich getadelt, "daß man im allgemeinen vergesse hervorzuheben, daß es letzten Endes der Nationalsozialismus selbst gewesen sei, der durch seine unerhörte Anteilnahme erst die Vorbereitungen (der Olympische Spiele) ermöglicht habe. Der Führer und Reichskanzler sei es gewesen, der die großartigen Bauten geplant und die ganze Veranstaltung mit seinem Impuls erfüllt habe." - Der Gröfaz war eben auch ein Gröbmaz (Größter Baumeister aller Zeiten), und der Propagandaminister pflegte seinem Führer die Wünsche nicht bloß von den Augen, sondern sogar von den Stirnfalten abzulesen.

Am 10. Juli ordnete Goebbels als Reichspropagandaleiter der NSDAP für die Zeit vom 1. August bis 7. September eine vollständige Versammlungsruhe an, also noch über das Ende der Olympiade hinaus und praktisch bis zum Reichsparteitag, der am 9. September eröffnet wurde.

Am 22. Juli wurde die Presse angewiesen, in den kommenden Wochen bis zum 20. August nicht über Prozesse wegen "Rassenschande" zu berichten. Selbst in den Gerichtsverfahren trat offenbar eine olympische Verhandlungspause ein: Das nächste Urteil wegen "Rassenschande" wurde erst am 24. August gesprochen.

Am 25. Juli ließ der Propagandaminister die Presse ermahnen, "während der Zeit der Olympischen Spiele keine Angriffe gegen ausländische Sitten und Gebräuche zu richten"; die Chinesen hätten sich schon zweimal beschwert. Am 27. Juli kam die Anweisung, nichts über "interne Vorgänge innerhalb der amerikanischen Mannschaft" zu berichten: Eine Schwimmerin war wegen wiederholter Trunkenheit nach Hause geschickt worden.

Mit Beginn der Spiele wurde die detaillierte Steuerung der Presse verstärkt. Bezeichnend für das aufgeheizte Gesamtklima in Deutschland ist, daß die Regie des Propagandaministeriums nahezu ausschließlich darauf abzielte, den gewohnten Chauvinismus und Rassismus der Medien zu zügeln.

Am 3. August mußte die Presse zum erstenmal angehalten werden, in ihren Überschriften nicht nur deutsche Siege und Höchstleistungen zu erwähnen, sondern auch die Erfolge anderer Teilnehmer nicht zu verkleinern. Sich daran zu halten, fiel den Journalisten und Redakteuren angesichts des unglaublichen deutschen "Goldrausches" offenbar so entsetzlich schwer, daß die Ermahnung noch mehrmals wiederholt werden mußte. Als einige Zeitungen Medaillen und Plätze mit Punkten bewerteten und darauf gründend Tabellen veröffentlichten, in denen Deutschland weit vorn lag, wurden sie zunächst zurechtgewiesen, und am 6. August folgte ein kategorisches Verbot solcher Aufstellungen, unter Androhung der Beschlagnahme. Anlaß war offenbar eine Beschwerde des IOC. Das Reichspropagandaministerium wies die Medien sogar allen Ernstes darauf hin, "daß nicht Nationen kämpfen, sondern Einzelpersonen". Das an diese scheinheilige Belehrung anschließende Schenkelklopfen der Redakteure muß wohl recht fidel gewesen sein.

Am Ende war Deutschland, weit über alle Prognosen und nationalistischen Hoffnungen hinaus, "führende Sportnation der Welt" mit 33 Goldmedaillen vor den USA mit 24. 1932 in Los Angeles hatte die deutsche Mannschaft nur drei (nach anderen Angaben vier) Goldmedaillen gewonnen, die USA aber 40. Der Gedanke lag nahe, und wurde selbstverständlich auch vielfach enthusiastisch ausgesprochen, daß dieser qualitative Sprung ein Ergebnis der Neuformierung Deutschlands durch den Nationalsozialismus sei. Dennoch wies das Propagandaministerium am 15. August , dem letzten Tag der Spiele, die Presse an, "daß kein Triumphgeschrei angestellt werden soll". Die Leistungen aller Länder sollten eine gerechte Würdigung finden. Deutschlands Erfolg sollte zwar angemessen herausgestellt werden, aber ohne "deutsche Überheblichkeit" erkennen zu lassen. Zugleich wurden nun aber die Zeitungen ausdrücklich aufgefordert, einen abschließenden Medaillenspiegel der Nationen zu bringen und Vergleiche mit den Ergebnissen von 1932 anzustellen. Am 17. August wurde angemahnt, daß einige Zeitungen dies bisher versäumt hätten. Die Rückkehr zur nationalsozialistischen Normalität hatte begonnen.

Entsprechend der Zielstellung, Mißklänge zu vermeiden, war Goebbels während der Spiele bemüht, beleidigende Angriffe gegen die schwarzen Sportler der US-Mannschaft zu verhindern. Am 3. August wurde die Presse ermahnt: "Der Rassenstandpunkt soll in keiner Weise bei Besprechung der sportlichen Resultate Anwendung finden; vor allem sollen die Neger nicht in ihren Empfindlichkeiten getroffen werden." - Am 6. August hieß es in den Regieanweisungen des Propagandaministeriums: "Es wird dringend gewarnt, die Berichterstattung der Olympischen Spiele mit rassischen Gesichtspunkten zu belasten."

Die rassistischen Instinkte und Gewohnheiten einiger Redakteure waren aber offenbar sogar stärker als die Angst vor Goebbels. Am 12. August mußte eine Zeitschrift wegen eines "höchst unpassenden Artikels" heftig gerüffelt werden. Sie hatte Auszüge aus dem kurz zuvor erschienenen Buch "Sport und Rasse" von Gottlieb Tirala nachgedruckt, in dem die notwendigerweise führende Rolle der nordischen Rasse im Sport biologistisch begründet wurde. Der Propagandaminister ließ dazu säuerlich anmerken: "Die Rassenlehre sei durch diese Veröffentlichung sicherlich nicht bereichert worden, aber unsere Olympiagäste würden dadurch verärgert." Schließlich stünde man doch "im Zeichen der olympischen Gleichberechtigung aller Nationen".

Als die Spiele in der Nacht des 16. August endeten und die olympische Flamme langsam erlosch, zauberten zahlreiche rundum postierte Flakscheinwerfer einen "Lichtdom" über das Stadion, makabre Vorwegnahme kommender Bombennächte. An der Anzeigentafel erschien der pathetische Satz: "Möge die olympische Flamme leuchten durch alle Geschlechter, zum Wohle einer immer höher strebenden, mutigeren und reineren Menschheit."

Es war offenbar höchste Zeit, in den normalen Lebensrhythmus des Dritten Reichs zurückzufinden und wieder ans Alltagsgeschäft zu gehen. Regieanweisung am 19. August: "Nach Abschluß der Olympischen Spiele wünschen Auswärtiges Amt und Propagandaministerium, daß die Frage der russischen Rüstungen, der russischen Einmischung in Spanien usw. in großem Stil tagelang in Artikeln, Glossen und Meldungen behandelt wird." - 20. August: Die Vorgaben des Propagandaministeriums über die sowjetische Rüstung usw. "hätten in der Presse bei weitem nicht den Widerhall gefunden, der wünschenswert war. Diese Dinge müßten in den nächsten Tagen mit größter Energie bearbeitet werden. (...) Auch die Aufmachung in den Zeitungen müßte den Ausführungen entsprechen." - Gegen Zeitungen, die dieser Anweisung nicht nachkämen, werde man strengstens vorgehen.

Am 21. August wurde die Presse nachdrücklich aufgefordert, die vorgegebenen Meldungen über die sowjetische Rüstung usw. "in allergrößter Aufmachung auf der ersten Seite" zu bringen. Gegen Zeitungen, die sich daran nicht hielten, werde "mit schärfsten Mitteln vorgegangen". Immerhin erhielten die Redakteure nun aber eine Andeutung, worum es überhaupt ging: "Der Sinn dieser scharfen Anweisung liegt darin, daß spätere außenpolitische, bzw. wehrpolitische Maßnahmen damit vor der Öffentlichkeit jetzt schon eine ausreichende Begründung erhalten sollen."

Am 24. August, acht Tage nach Abschluß der Olympischen Spiele, gab Deutschland unter dem Protest vieler Staaten bekannt, daß die Dienstpflicht für die gesamte Wehrmacht auf zwei Jahre heraufgesetzt werde. Am gleichen Tag ordnete Hitler an, die spanischen Faschisten im Bürgerkrieg "weitestgehendst materiell und militärisch zu unterstützen". Am 9. September wurde der alljährliche Reichsparteitag des NSDAP eröffnet. Diesmal stand er vollständig im Zeichen des "Weltkampfs gegen den Bolschewismus" und der Proklamation des Vierjahresplans. Dessen erklärtes Ziel bestand darin, Deutschland innerhalb von vier Jahren auf dem Gebiet strategisch wichtiger Rohstoffe autark und damit kriegsfähig zu machen.

Auch auf anderen Gebieten war es mit der olympischen Schonzeit vorbei: Am 21. August ließ Goebbels der Presse mitteilen, daß vier Tage später "eine neue Prozeßserie" gegen katholische Ordensangehörige wegen Verbrechen nach § 174, 175 ff. StGB (Homosexualität, "Verführung Jugendlicher" usw.) beginnen werde. Das NS-Regime betrieb Prozesse und Kampagnen dieser Art systematisch, um die konkurrierende Autorität der katholischen Kirche zu untergraben. Die Presse wurde angewiesen, daß die Übernahme der offiziellen Meldungen der staatlichen Nachrichtenagentur das "Mindestmaß" des Erwarteten sei und daß eigene Berichte vom Prozeßverlauf "dringend erwünscht" seien.

Die Olympischen Spiele 1936 stellen in der Entwicklungsgeschichte des Dritten Reichs eine seltsame Episode des kurzzeitigen Zurückhaltens und Abbremsens dar. Diese Phase begann nicht erst im Sommer 1936, sondern schon im Vorfeld der Winterspiele, also etwa Ende 1935. In den Tagebüchern des Propagandaministers ist nachzulesen, wie schulbübisch er sich jeden Tag aufs Neue über seine eigene Listigkeit freute und wie er den Tag herbeisehnte, wo es mit der olympischen Rücksichtnahme vorbei sein würde.

Am 5. August notierte Goebbels, in völligem Gegensatz zu seinen Anweisungen an die Presse: Die USA hätten an diesem Tag drei Goldmedaillen gewohnen, "davon zwei durch Neger. Das ist eine Schande. Die weiße Menschheit müßte sich schämen. Aber was gilt das dort unten in diesem Lande ohne Kultur."

Am 8. August ist Goebbels mittags bei Hitler und notiert anschließend über das Gespräch: "Frage Spanien. Nach der Olympiade werden wir rabiat. Dann wird geschossen. Und 2jährige Dienstpflicht eingeführt. Das ist dann unser Vorteil." - Am 12. August, nach einem weiteren Plausch mit Hitler: "Führer möchte gern in Spanien eingreifen. Aber Situation noch nicht reif. Vielleicht kommt das noch. Erst Olympiade glücklich zu Ende führen." -

Am 17. August schrieb der Propagandaminister in sein Tagebuch: "Deutschland steht mit 33 Goldmedaillen weitaus an der Spitze. Die erste Sportnation. Das ist herrlich." - Nun galt es, sich darauf vorzubereiten, die deutsche Führungsstellung auch in den nichtolympischen Kampfsportarten unter Beweis zu stellen.

Kaum bekannt ist, daß sich Deutschland nur durch den Krieg die Chance vermasselte, gleich vier Jahre später ein zweites Mal die Olympischen Winterspiele zu beherbergen: Diese hätten eigentlich 1940 im Schweizer St. Moritz stattfinden sollen. Wegen eines aus heutiger Sicht läppischen Streits um die Teilnahmeberechtigung von Skilehrern zog sich das Schweizer Organisationskomitee jedoch im Juni 1939 zurück. Daraufhin beschloß das IOC tatsächlich, noch einmal Garmisch-Partenkirchen mit der Durchführung der Winterspiele zu beauftragen. Vorausgegangen waren der Anschluß Österreichs, die Annexion des "Sudetenlandes", das November-Pogrom 1938 und die militärische Besetzung der "Resttschechei" im März 1939. Der olympische Gedanke erträgt offenbar eine ganze Menge.

Knut Mellenthin

ak - analyse & kritik, Zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 393 / 22.08.1996


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