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Hitlers Drohung

Hitlers Drohung

Die größte Geiselnahme der Geschichte

Am 30. Januar 1939, ein halbes Jahr vor dem deutschen Überfall auf Polen, aus dem sich der 2. Weltkrieg entwickelte, kündigte Hitler im Verlauf einer mehrstündigen Reichstagsrede den Völkermord an den Juden Europas an:
"Ich bin in meinem Leben sehr oft Prophet gewesen und wurde meistens ausgelacht. In der Zeit meines Kampfes um die Macht war es in erster Linie das jüdische Volk, das nur mit Gelächter meine Prophezeiungen hinnahm, ich würde einmal in Deutschland die Führung des Staates und damit des ganzen Volkes übernehmen und dann unter vielen anderen auch das jüdische Problem zur Lösung bringen. Ich glaube, daß dieses damalige schallende Gelächter dem Judentum in Deutschland unterdes wohl schon in der Kehle erstickt ist. Ich will heute wieder ein Prophet sein: Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in- und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann würde das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa."

Krieg gegen die Juden?

Es wirkt im wissenden Rückblick äußerst verwunderlich, daß diese öffentlich ausgesprochene, von Auschwitz her betrachtet absolut unmißverständliche Drohung damals anscheinend kaum wahrgenommen, geschweige denn in ihrer vollen Bedeutung verstanden und ernst genommen wurde.

Vor allem zwei Umstände haben bei dieser Fehlbewertung vermutlich eine Rolle gespielt: Erstens war es eine sehr umfangreiche Rede, die sich hauptsächlich mit außenpolitischen Fragen befaßte und die im Ausland auch in erster Linie unter diesem Aspekt gelesen wurde. Seltsamerweise war der Tenor der Rede insgesamt so, daß er in Teilen des Auslands sogar als Ausdruck einer gewissen Mäßigung und Zurücknahme der deutschen Positionen interpretiert wurde.

Zweitens endete der oben erwähnte Passus aus Hitlers Rede nicht an der Stelle, bis zu der ich ihn, der heute allgemein üblichen Zitierweise folgend, wiedergegeben habe. Die folgenden Sätze gaben dem Wort "Vernichtung" scheinbar einen anderen Sinn, da Hitler es auf die internationale Wirksamkeit der antisemitischen Propaganda Deutschlands und Italiens bezog - im Sinn einer politischen, nicht einer physischen Vernichtung.

L. J. Hartog hat in einem 1994 auf niederländisch erschienenen, 1997 ins Deutsche übersetzten Buch (1) den Versuch unternommen, Hitlers Drohung vom Januar 1939 als eine wesentliche Schlüsselstelle für das Verständnis der Entscheidung zum Ingangsetzen des Völkermords zu deuten. Seiner Ansicht nach wollte Hitler mit der Vernichtungsdrohung die USA erpressen, sich aus dem von Deutschland beabsichtigten europäischen Krieg herauszuhalten. Hitler habe mit dieser Drohung die Juden Deutschlands und später auch die Juden in den von der Wehrmacht besetzten Ländern zu Geiseln des von ihm geplanten etappenweisen Weges zur Weltherrschaft gemacht.

Hartogs These ist plausibel: Hitler wollte den Weltkrieg vermeiden, weil Deutschland zwar gute Voraussetzungen für das Führen von aufeinander folgenden "Blitzkriegen", aber nicht für das Durchstehen eines zeitlich langen, räumlich ausgedehnten Krieges an mehreren Fronten hatte. Um einen Krieg gegen die USA zu gewinnen (und nicht nur die Entscheidung jahrelang offen zu halten) fehlten Deutschland alle Voraussetzungen. Zumindest bis zum erfolgreichen Abschluß des "Rußland-Feldzugs" wollte Hitler die USA aus dem Krieg heraushalten. Aus seiner Sicht waren es vor allem Präsident Roosevelt und dessen jüdische Ratgeber - und im Hintergrund das jüdische Kapital -, die aus einer Minderheitsposition heraus schrittweise die militärischen und politisch-psychologischen Voraussetzungen für eine Kriegsbeteiligung der USA zu schaffen bemüht waren. Hitlers Hoffnung war, daß diese Kreise mit der Drohung gegen die in deutscher Hand befindlichen Juden unter Druck gesetzt werden könnten.

Zur Vermeidung von Mißverständnissen: Hartog beabsichtigt keine revisionistische Verschiebung oder Umverteilung der Schuld für den Völkermord an den europäischen Juden. Er geht zu recht davon aus, daß die amerikanische Regierung mit ihrer gezielt vorangetriebenen Politik des Kriegseintritts in kleinen Schritten im Grunde nur Hitlers strategische Absicht konterkarierte, Seine Gegner nacheinander, in voneinander zeitlich und räumlich getrennten Kriegen, auszuschalten. Hartog sieht darüber hinaus in der seit langem feststehenden Absicht, "die Juden" nicht nur als politische Fiktion, sondern auch als Summe von Individuen zu vernichten, das zentrale Motiv für Hitlers gesamtes Handeln. Daraus ergibt sich nach seiner Ansicht nicht nur, daß Hitler den Völkermord an den Juden unter allen Umständen auszuführen versucht hätte. Sondern auch, daß Hitlers gesamter Welteroberungsplan überhaupt nur unter diesem Gesichtspunkt, als Funktion seiner Vernichtungsabsicht gegen "die Juden", zu deuten wäre. Damit würden allerdings sämtliche wirtschaftlichen, militärstrategischen usw. Voraussetzungen und Gründe für die Politik eines Staates außer Kraft gesetzt. Der gesamte deutsche Nationalsozialismus reduziert sich aus dieser Sicht im wesentlichen auf einen "Krieg gegen die Juden". So lautet der Titel des 1975 erschienenen Buches von Lucy Dawidowicz, das bis heute als Schrittmacher dieser Deutungsrichtung gelten kann.

Lend-Lease statt Cash-and-Carry

Hitler wiederholte Seine Vernichtungs-Drohung vor dem Kriegseintritt der USA, Dezember 1941, in der Öffentlichkeit nur ein einziges Mal, am 30. Januar 1941 bei einer Massenveranstaltung im Berliner Sportpalast - genau zwei Jahre, nachdem er sie zum ersten Mal ausgesprochen hatte. In dieser Rede erinnerte er an "den Hinweis, den ich schon einmal, am 1. September 1939 im deutschen Reichstag, gegeben habe, den Hinweis darauf nämlich, daß, wenn die andere Welt von dem Judentum in einen allgemeinen Krieg gestürzt würde, das gesamte Judentum Seine Rolle in Europa ausgespielt haben wird! Sie mögen auch heute noch lachen darüber, genau so wie sie früher über meine Prophezeiungen lachten. Die kommenden Monate und Jahre werden erweisen, daß ich auch hier richtig gesehen habe."

Hitler hat bei verschiedenen Gelegenheiten Seine Drohung fälschlich auf den 1. September 1939 datiert, also auf den Beginn des deutschen Überfalls auf Polen, der zugleich auch der Beginn des europäischen Krieges war, der sich zum 2. Weltkrieg ausweitete. Um einen Irrtum wird es sich dabei vermutlich nicht gehandelt haben, aber zur Frage, was mit der Falschdatierung bezweckt wurde, gibt es keine hinreichend schlüssige, eindeutige Hypothese. Hartog schreibt dazu: "Die Koppelung von Weltkrieg und Judenvernichtung konnte Hitler dadurch am eindringlichsten dokumentieren, daß er Seine Warnung vor den Folgen eines Weltkrieges für die jüdische Bevölkerung auf den Tag datierte, an dem der europäische Krieg begann." (S. 18)

Die Wiederholung der Vernichtungs-Drohung am 30. Januar 1941 kann plausibel als unmittelbare Reaktion auf das Vorgehen Roosevelts gedeutet werden. Dieser war im November 1940 mit dem Versprechen, die USA weiterhin aus dem Krieg herauszuhalten, zum dritten Mal zum Präsidenten gewählt worden. Tatsächlich betrieb er aber, wie Hartog richtig feststellt, eine gezielte Politik der schrittweisen Verwicklung in den Krieg. Schon Anfang November 1939 war das Neutralitätsgesetz der USA - das praktisch jeden Export von Waffen und Munition an kriegführende Staaten verbot - durch die Cash-and-Carry-Bestimmung praktisch außer Kraft gesetzt worden. Dadurch waren Kriegslieferungen unbegrenzt zulässig, sofern sie

1.) von amerikanischen Privatfirmen abgewickelt wurden. Diese Bestimmung war mühelos zu umgehen, indem staatliche Rüstungsbetriebe der USA pro forma an Privatfirmen verkauften, die dann offiziell als Exporteure auftraten,

2.) bar bezahlt wurden,

3.) auf eigenen Schiffen des belieferten Staates transportiert wurden.

Da im Verlauf des Jahres 1940 deutlich wurde, daß Großbritannien nicht mehr lange in der Lage sein würde, die immer umfangreicheren amerikanischen Kriegslieferungen bar zu bezahlen, legte Präsident Roosevelt gleich nach seiner Wiederwahl, am 10. Januar 1941, dem Kongreß einen Gesetzentwurf vor, der den Übergang zum sogenannten Lend-Lease-Verfahren ermöglichte. Abweichend vom Cash-Zwang konnten nun Kriegslieferungen an Länder, "deren Verteidigung für die Sicherheit der USA lebenswichtig ist", auch ohne Bezahlung erfolgen. Formal hieß es, diese Kriegsmittel würden den Empfängern für die Dauer des Krieges kostenlos leihweise überlassen. - Das Gesetz wurde schließlich, nach kontroversen Debatten in beiden Häusern des amerikanischen Parlaments und mit zahlreichen Einschränkungen, Änderungen und Ergänzungen am 11. März vom Kongreß angenommen.

Der Beginn der Massenmorde

Fast sofort mit Beginn des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion (22. Juni 1941) begannen Sonderkommandos, teilweise gemeinsam mit der Wehrmacht, Juden in großer Zahl zu ermorden, in der Regel durch Massenerschießungen. Aus den Berichten geht hervor, daß zunächst nahezu ausschließlich Männer und ältere männliche Jugendliche getötet wurden, und daß für die Ausweitung der Mordaktionen auf Frauen und Kinder ein zweiter Befehl erfolgte, der erst in der ersten Augusthälfte wirksam wurde. (2)

Wie ordnet Hartog den Mord an den Juden der Sowjetunion in Seine Erpressungs- und Geiselnahme-Theorie ein? Er meint, diese Massenmorde seien aufgrund der "rigorosen Gebietsisolierung" der von der Wehrmacht besetzten sowjetischen Gebiete geheimzuhalten gewesen: "Da weder das Weiterleben der Juden noch ihre Liquidierung von den gegnerischen Kriegsparteien festgestellt werden konnten, brauchte man ihnen auch nicht die funktionelle Existenzpflicht der Geiselschaft aufzuerlegen; zwar europäische Juden, aber keine Geiseln und daher ohne instrumentellen Charakter für Hitlers Politik, wurden sie von der Gesamtzahl der europäischen Juden subtrahiert, d.h. vernichtet." (S. 39)

Die Situation war nicht ganz so, wie Hartog sie beschreibt. Allein der zahlenmäßige Umfang der Beteiligten - Täter, Opfer, Entkommene und Überlebende, sowie direkte Zeugen - ließ eine absolute Geheimhaltung voraussehbar nicht zu. Erste Berichte über Massaker an Juden in Minsk, Llow (Lemberg) und anderen Städten erschienen schon im Juli 1941 in der jiddischen Presse der USA. Freilich waren diese Meldungen teilweise vage, ungenau und galten insgesamt als nicht bestätigt. Außerdem wurden die Massaker im allgemeinen als Exzesse der deutschen Kriegführung interpretiert und noch nicht als Beginn der Umsetzung eines Völkermord-Plans wahrgenommen.

Tatsächlich brauchte es Hitler aber - unterstellt, die Geiselnahme-Hypothese wäre zutreffend - gar nicht unbedingt unwillkommen zu sein, wenn Gerüchte über die Massenmorde an den Juden der Sowjetunion durchsickerten. Vielleicht dachte er in dieser Hinsicht ähnlich wie ein Geiselnehmer, der einige seiner Gefangenen erschießt, um deutlich zu machen, wie ernst es ihm ist? Aus den sogenannten Tischgesprächen Hitlers ist überliefert, daß er am 25. Oktober 1941 (in Anwesenheit von Himmler und Heydrich) erklärte: "Es ist übrigens keine schlechte Sache, daß das öffentliche Gerücht uns einen Plan zur Vernichtung der Juden zuschreibt. Terror ist eine heilsame Sache." - Unmittelbar vorher hatte er an Seine 1939 im Reichstag ausgesprochene Vernichtungs-Drohung erinnert. (3)

Die ersten Deportationen aus Deutschland

Mitte Oktober 1941 begann eine erste Deportationswelle von Jüdinnen und Juden aus dem Deutschen Reich. Insgesamt wurden bis zum 4. November 1941 annähernd 20.000 Menschen in das Ghetto von Lodz gebracht, also in einen Teil Polens, der nach dem September-Krieg von 1939 direkt dem Reich angegliedert worden war. Sie wurden nicht unmittelbar ermordet.

Hartog interpretiert den Beginn der Deportationen aus Deutschland im Sinn seiner Geiselnahme-Hypothese als Reaktion Hitlers auf den von Roosevelt am 11. September 1941 bekannt gegebenen "shoot-on-sight"-Befehl. Laut dieser Order sollte auf jedes deutsche Kriegsschiff oder U-Boot, das "in Gewässern, die für die Verteidigung der USA als wichtig erachtet werden", angetroffen würde, sofort das Feuer eröffnet werden. Vorausgegangen war am 4. September ein Zwischenfall auf hoher See westlich von Island (das seit Juli 1941 von amerikanischen Truppen besetzt war) zwischen dem US-Zerstörer "Greer" und einem deutschen U-Boot.

Der von Hartog behauptete Zusammenhang ist aufgrund der zeitlichen Abläufe nicht von der Hand zu weisen. Wir wissen, daß Himmler am 18. September an den Gauleiter des Warthelands, Greiser (in dessen Bereich die Stadt Lodz lag), schrieb: "Der Führer wünscht, daß möglichst bald das Altreich und das Protektorat vom Westen nach dem Osten von Juden geleert und befreit werden. Ich bin daher bestrebt, möglichst noch in diesem Jahr die Juden des Altreiches und des Protektorats zunächst einmal als erste Stufe in die vor zwei Jahren neu zum Reich gekommenen Ostgebiete zu transportieren, um sie im nächsten Frühjahr noch weiter nach dem Osten abzuschieben." - Mit den zum Reich gekommenen Ostgebieten sind die 1939 annektierten polnischen Gebiete gemeint - zu unterscheiden vom übrigen besetzten Polen, dem Generalgouvernement, und den besetzten Gebieten der Sowjetunion, auf die sich die künftige "Abschiebung nach dem Osten" bezieht.

Himmlers Mitteilung an Greiser ist der erste nachweisbare Hinweis, daß Hitler zur Deportation der Juden aus dem Reichsgebiet einen definitiven Beschluß gefaßt hatte, zweifellos einige Tage vor dem 18. September, vermutlich im unmittelbaren Kontakt mit Himmler. Beispielsweise erfuhr Propagandaminister Goebbels, der auch Gauleiter von Berlin war und Hitler schon lange in den Ohren gelegen hatte, endlich die Juden aus Berlin "abschieben" zu dürfen, erst am 23. September von Hitler, daß eine grundsätzliche Entscheidung gefallen war.

Eine zweite Deportationswelle aus dem Reichsgebiet begann am 8. November und dauerte bis Mitte Dezember 1941. Sie betraf insgesamt rund 22.000 Menschen. Ziele der Deportationszüge waren Riga, Minsk und Kowno (Kaunas) auf dem besetzten Gebiet der Sowjetunion. In Kowno wurden die aus Berlin, Breslau, Frankfurt/Main, München und Wien eintreffenden jüdischen Menschen am 25. und 29. November von den Deutschen erschossen; ebenso wurden die Insassen eines Zuges, der Berlin am 27. November verlassen hatte, drei Tage später in Riga ermordet.

Das bedeutete aber noch nicht den generellen Übergang zur sofortigen Ermordung der aus dem Reichsgebiet "nach Osten" abtransportierten Juden; dieser erfolgte erst etwa Ende März 1942; bis dahin blieben die Massenmorde von Kowno und Riga, soweit es Juden aus dem Reich anging, Ausnahmeereignisse. Hartog verweist in diesem Zusammenhang auf die seit langem bekannte, aber unterschiedlich interpretierte Notiz Himmlers zu einem Telefongespräch, das er am 30. November 1941 aus dem Führerhauptquartier (also mutmaßlich im Auftrag Hitlers) mit Heydrich, dem Verantwortlichen für die Durchführung der "Endlösung", führte: "Judentransport aus Berlin. Keine Liquidierung."

Wahrscheinlich bezog sich das Telefonat auf die Insassen des Zuges aus Berlin, der am selben Tag in Riga ankam, und die dort gleich nach der Ankunft ermordet wurden. Zweck des Anrufs könnte es demnach gewesen sein, die "Liquidierung" zu stoppen - die aber zu diesem Zeitpunkt nicht mehr verhindert werden konnte. Hartog erklärt diese Intervention Himmlers und Hitlers so: "Ab Mitte Oktober berichtete die 'New York Times' regelmäßig über die Massentransporte in den Osten. Darin, daß über diese Wege etwas von der Ermordung deportierter Reichsjuden bekannt werden könnte, lag für Hitler eine Gefahr. Hier liegt der Grund für sein Vernichtungsverbot. Hitler beabsichtigte keine Liquidierung von Reichsjuden, solange noch ein formeller Frieden mit den Vereinigten Staaten bestand. Die Deportationen waren ein Instrument seiner Politik, mit der Vernichtung wollte er den Amerikanern kein Instrument für ihre Politik anbieten." (S. 56)

"Der Weltkrieg ist da ..."

Am 7. Dezember 1941 griff ein japanischer Flottenverband überraschend die amerikanische Flotte in Pearl Harbour/ Hawai an und fügte ihr schwere Verluste zu. Am 8. Dezember erklärten die USA (und Großbritannien) Japan den Krieg. Deutschland und Italien folgten am 11. Dezember mit ihrer Kriegserklärung an die USA. Hierzu waren sie aufgrund des im September 1940 abgeschlossenen Dreierpakts mit Japan formal verpflichtet. Darüber hinaus hatte Hitler schon seit Monaten große Anstrengungen unternommen, um Japan zu einem Kriegskurs gegen die USA zu motivieren, und hatte für diesen Fall eine deutsche Kriegserklärung an die USA versprochen.

Nach Hartogs Ansicht entfiel mit dem amerikanischen Kriegseintritt für Hitler jeder Grund, die (west-) europäischen Juden noch länger als Geiseln zu "schonen", d.h. den seit langem bestehenden Ausrottungsplan nicht unmittelbar in die Tat umzusetzen. Offenbar ist ihm in diesem Zusammenhang die Rede entgangen, die Hitler am 12. Dezember 1941 vor dem exklusiven Kreis der Reichs- und Gauleiter hielt. Auf diese Weise hat Hartog möglicherweise ein zusätzliches Argument für Seine Hypothese ausgelassen.

Eben diese Rede steht im Mittelpunkt eines Artikels, den Christian Gerlach im November 1997 in der Zeitschrift "WerkstattGeschichte" veröffentlicht hat. (4) - Gerlachs Artikel wurde in einem Teil der Presse so besprochen, als enthalte er neue Erkenntnisse und stütze sich auf wesentliches bisher nicht ausgewertetes Material. Diese Wertung beruht auf Unkenntnis und Mißverständnissen. Vor allem ist die Rede Hitlers vom 12. Dezember seit langem bekannt - allerdings nur aus der knappen Wiedergabe im Goebbels-Tagebuch, auf die sich auch Gerlach bezieht.

Die entsprechende Eintragung lautet: "Bezüglich der Judenfrage ist der Führer entschlossen, reinen Tisch zu machen. Er hat den Juden prophezeit, daß, wenn sie noch einmal einen Weltkrieg herbeiführen würden, sie dabei ihre Vernichtung erleben würden. Das ist keine Phrase gewesen. Der Weltkrieg ist da, die Vernichtung des Judentums muß die notwendige Folge sein. Diese Frage ist ohne jede Sentimentalität zu betrachten. (...) Wenn das deutsche Volk jetzt wieder im Ostfeldzug an die 160.000 Tote geopfert hat, so werden die Urheber dieses blutigen Konflikts dafür mit ihrem Leben bezahlen müssen." (5)

Nach der Deutung Gerlachs - der sich teilweise an Hartogs Hypothese anlehnt - hat Hitler erst nach dem Kriegseintritt der USA, zwischen dem 7. und 12. Dezember 1941, die Entscheidung getroffen, alle europäischen Juden zu ermorden; durch die Rede vom 12. Dezember sei die Bekanntgabe dieses Beschlusses an den engsten Führungskreis erfolgt. Zur Begründung dieses Schritts schreibt Gerlach, "daß die europäischen Juden nunmehr für die deutsche Führung ihre Funktion als Geiseln verloren hatten, die die USA vom offenen Kriegseintritt abhalten konnten". Der amerikanische Kriegseintritt habe Hitler aber auch "den willkommenen Vorwand geboten, eine Entscheidung bekanntzugeben, die er und andere vermutlich ohnehin ins Auge gefaßt hatten." (S. 27)

Indessen, was ist eigentlich die konkrete Entscheidung, die Hitler am 12. Dezember bekannt gegeben haben soll? Ein Vergleich mit einigen anderen, früheren Äußerungen, der gleich vorgenommen werden soll, erweist, daß die Formulierungen - von denen wir übrigens nicht wissen, wieweit Goebbels Seine eigenen Anschauungen hineingemengt hat - nur von recht allgemeiner Natur waren. Außerdem wird im Vergleich deutlich, daß die Bedingungen für Hitlers Drohung - oder, wie man zu sagen liebte: Prophezeiung - vom Januar 1939 auch schon vor dem amerikanischen Kriegseintritt als erfüllt betrachtet wurden.

Am 11. August 1941 hatte Goebbels notiert, in den Städten der baltischen Länder werde "ein Strafgericht an den Juden vollzogen"; sie würden (von den mit den Deutschen kollaborierenden einheimischen Antisemiten) "massenweise auf den Straßen totgeschlagen". "Das, was der Führer prophezeite, tritt ein: daß, wenn es dem Judentum gelingen würde, wieder einen Krieg zu provozieren, es damit Seine Existenz verlieren würde." (6)

Im Goebbels-Tagebuch vom 19. August 1941 heißt es über ein Gespräch mit Hitler, das vermutlich am Vortag stattfand: "Der Führer ist der Überzeugung, daß Seine damalige Prophezeiung im Reichstag, daß, wenn es dem Judentum gelänge, noch einmal einen Weltkrieg zu provozieren, er mit der Vernichtung der Juden enden würde, sich bestätigt. Sie bewahrheitet sich in diesen Wochen und Monaten mit einer fast unheimlich anmutenden Sicherheit. Im Osten müssen die Juden die Zeche bezahlen; in Deutschland haben sie sie zum Teil schon bezahlt und werden sie in Zukunft noch mehr bezahlen müssen." (7)

Am weitesten ging der Propagandaminister in seinem Leitartikel "Die Juden sind schuld!", der am 16. November 1941 in der Zeitschrift "Das Reich" erschien: "Die historische Schuld des Weltjudentums am Ausbruch und an der Ausweitung dieses Krieges ist so hinreichend erwiesen, daß darüber keine Worte mehr zu verlieren sind. Die Juden wollten ihren Krieg, und sie haben ihn nun. Aber es bewahrheitet sich an ihnen auch die Prophezeiung, die der Führer am 30. Januar 1939 im Deutschen Reichstag aussprach, daß, wenn es dem internationalen Finanzjudentum gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein werde, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa. Wir erleben eben den Vollzug dieser Prophezeiung, und es erfüllt sich damit am Judentum ein Schicksal, das zwar hart, aber mehr als verdient ist." (8)

Damit verglichen scheint es mir unmöglich, in Hitlers entsprechender Redepassage vom 12. Dezember (bzw. deren Wiedergabe durch Goebbels) noch einen wirklich neuen Gedanken oder Ton zu erkennen. Dabei sprach Hitler doch in einem ganz kleinen Kreis, in dem er sich eigentlich keine Zurückhaltung auferlegen mußte, während Goebbels' Leitartikel nicht nur gedruckt erschienen, sondern auch noch im Rundfunk verlesen wurden. Es scheint mir deshalb verfehlt, aus den von Goebbels zusammengefaßten Äußerungen Hitlers am 12. Dezember eine Zäsur aufgrund des amerikanischen Kriegseintritt ablesen zu wollen. Das bedeutet auch, daß diese Rede für die immer noch nicht abgeschlossene Frage nach dem zur "Endlösung" führenden Entscheidungsprozeß kaum etwas beitragen kann.

Als Faustpfand hierbehalten ...

Das Motiv der Geiselnahme (begründet mit einer Kollektivhaftung aller Juden) ist in der Selbstdarstellung der nationalsozialistischen "Judenpolitik" so häufig und durchgängig über den gesamten Zeitraum 1933-1945 zu finden, daß das Fehlen einer zusammenfassenden Untersuchung zu diesem Thema verwunderlich ist. (9)

Das Prinzip, die deutschen Juden als Geiseln für das "Wohlverhalten ihrer Rassegenossen" im Ausland, vor allem in den USA zu behandeln, lag bereits der ersten großen antijüdischen Aktion nach dem Regierungsantritt der Nationalsozialisten, dem "Abwehrboykott" vom 1. April 1933, zugrunde. Es findet sich ebenso wieder beim November-Pogrom von 1938. Unmittelbar im Anschluß daran teilte Göring in einer Besprechung am 12. November als Entscheidung Hitlers mit: "Wenn das Deutsche Reich in irgendeiner absehbaren Zeit in außenpolitischen Konflikt kommt, so ist es selbstverständlich, daß auch wir in Deutschland in aller erster Linie daran denken werden, eine große Abrechnung an den Juden zu vollziehen."

Damit war die Vernichtungsdrohung, die Hitler anderthalb Monate später öffentlich aussprach, intern bereits vorweg genommen. Noch früher, am 25. Juli 1938, hatte Goebbels nach einem Gespräch mit Hitler als dessen Aussage notiert: Spätestens in zehn Jahren müßten die Juden auf jeden Fall aus Deutschland entfernt sein. "Aber vorläufig wollen wir die Juden noch als Faustpfand hierbehalten." (10)

Die Politik der Geiselnahme gipfelte schließlich im Frühjahr 1944 in dem von Eichmann mitgeteilten "Angebot", rund eine Million überlebende Juden gegen die Lieferung von kriegstauglichen LKWs und anderen Waren freizulassen - tatsächlich offenbar gedacht als Versuch, Verhandlungen über einen Separatfrieden mit den USA und Großbritannien einzuleiten, um dann gemeinsam Front gegen die Sowjetunion zu machen.

Leider leistet Hartogs Buch, auch wenn es von der Hypothese her eine Pioniertat darstellt, als Untersuchung der Geiselnahme-Politik nicht viel. Das läßt sich schon aus dem schmalen Umfang von 102 Seiten voraussehen und wird durch die Flachheit der Darstellung bestätigt. Es wird wahrscheinlich dem Schicksal nicht entgehen, weder auf der politisch-publizistischen noch auf der historisch-wissenschaftlichen Ebene überhaupt wahrgenommen zu werden.

Knut Mellenthin

ak - analyse & kritik, Zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 413 / 09.04.1998



Anmerkungen:

1) L. J. Hartog, Der Befehl zum Judenmord. Hitler, Amerika und die Juden, Syndikat Buchgesellschaft Bodenheim, 1997.

2) Daß es die zeitliche Abfolge zweier unterschiedlicher Befehle gegeben haben muß und daß die Massenmorde der ersten Wochen kaum Frauen und Kinder betrafen, ist - trotz klarer Faktenlage - immer noch nicht ganz unumstritten. SS-Reichsführer Himmler erklärte in einer Rede vor den Reichs- und Gauleitern am 6. Oktober 1943, daß diese Ausweitung (auf Frauen und Kinder) Seine selbständige Entscheidung gewesen sei. Hitler hatte offenbar nur einen allgemeinen, ganz knapp formulierten Ausrottungs-Befehl gegeben - und Himmler die Präzisierung überlassen. Himmlers Rede läßt darauf schließen, daß er es Hitler nachtrug, von diesem mit der Verantwortung für die praktische Umsetzung des Ausrottungs-Befehls allein gelassen worden zu sein.

3) H. R. Trevor-Roper (Hrg.), Hitler's Table Talk 1941-1944, London 1953 und 1973, S. 87.
4) Christian Gerlach, Die Wannsee-Konferenz, das Schicksal der deutschen Juden und Hitlers politische Grundsatzentscheidung, alle Juden Europas zu ermorden; in: "WerkstattGeschichte" Nr. 18, S. 7-44.

5) Tagebuch-Edition von Elke Fröhlich, Bd. II.2, S. 498-499.

6) Fröhlich, Bd. II.1, S. 212.

7) Fröhlich, Bd. II.1, S. 268. Während desselben Gesprächs stimmte Hitler dem Vorschlag Görings zu, für die Juden im Deutschen Reich den Kennzeichnungszwang durch den "Judenstern" einzuführen. Die entsprechende Polizeiverordnung wurde am 1. September 1941 verkündet.

8) Aus Goebbels' Tagebuch wissen wir, daß er diesen Leitartikel im wesentlichen schon am 3. November niederschrieb. Es wäre aufgrund der richtungweisenden Bedeutung dieses Textes eigentlich anzunehmen, daß Goebbels seinen Entwurf - wie er es bei wichtigen Themen oft, aber nicht immer tat - mit Hitler abgestimmt hat, entweder im persönlichen Gespräch (wozu sich in diesem Fall aber anscheinend keine Gelegenheit ergab) oder durch Übermittlung des Entwurfs an Hitlers Hauptquartier in Ostpreußen. Die Tagebuchnotizen enthalten jedoch ungewöhnlicherweise keinen Hinweis, daß in diesem Fall irgendein vorheriger Meinungsaustausch stattgefunden hat oder daß sich Hitler nachträglich zu dem veröffentlichten Artikel geäußert hätte.

9) Die umfassende Darstellung von Yehuda Bauer, "Freikauf von Juden?" (Frankfurt/M. 1996, engl. Orig. 1994), berührt die NS-Politik der Geiselnahme nur teilweise, nämlich soweit sie in Lösegeldforderungen zum Ausdruck kam.

10) Fröhlich, Bd. I.3, S. 490)


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