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Raul Hilberg (1926-2007)

Er pfiff auf den Mainstream

Raul Hilberg ist tot. Raul wer? Der am 4. August im Alter von 81 Jahren an Lungenkrebs gestorbene "absolute Pionier der Holocaust-Forschung" (Wolfgang Benz) gehörte nicht zu den Entertainern und Streitern, mit denen Talkshow-Moderatoren ihr grundlangweiliges "Format" aufpeppen. Raul Hilberg hat keine nach ihm benannte "Kontroverse" über irgendein Thema hinterlassen, er hat zwar ein Standardwerk, aber keinen Bestseller geschrieben. Er war der Beweis für das eherne Prinzip seiner Zunft, dass ein Geschichtswissenschaftler, der seinen Job ehrlich, solide und gründlich macht, keine große Medienkarriere machen wird.

Als ich mich 1966 als Student mit dem Holocaust zu beschäftigen begann, gab es nur sehr wenige Bücher, die den "Vernichtungsprozess" insgesamt darzustellen versuchten. Raul Hilbergs 1961 erschienenes "The Destruction of the European Jews" war zweifellos das bedeutendste unter ihnen. Daneben zu nennen sind Léon Poliakovs "Bréviaire de la haine" (1951) und Gerald Reitlingers "The Final Solution"(1953). Die Holocaust-Forschung stand damals, 20 Jahre nach Kriegsende, noch in ihren Anfängen. Deutschsprachige Literatur gab es kaum. Hannah Arendts "Eichmann in Jerusalem. A Report on the Banality of Evil" (1963), von dem der Piper Verlag 1964 eine deutsche Übersetzung herausbrachte, erfreute sich damals, auch weil es wegen einiger Thesen sehr "umstritten" war, in Deutschland relativ großer Aufmerksamkeit. Es war aber keine Gesamtdarstellung des Holocaust, und erhob auch durchaus nicht diesen Anspruch. Übrigens erschien Arendts Buch erst im Sommer 2000 in einer hebräischen Übersetzung in Jerusalem. Insbesondere ihre kritische Bewertung der Rolle der Judenräte wurde ihr in Israel sehr übelgenommen.

Diese nachhaltig negative Aufnahme im jüdischen Staat teilte sie mit Raul Hilberg, dem in den 60er Jahren sogar der Zutritt zum Archiv der Holocaust-Gedenkstätte Jad Waschem verwehrt wurde. Er selbst berichtete, dass er dann mit Hilfe eines Angestellten durch die Hintertür hinein gelangte.

Dabei war der gebürtige Wiener, wohl anders als Hannah Arendt, überhaupt nicht darauf aus, mit provokanten Bewertungen einen Streit vom Zaun zu brechen. Wo er aneckte, Anstoß erregte, geschah das meist dadurch, dass er in sachlicher Weise, unpolemisch, Seine Forschungsergebnisse vorlegte. Darstellung der Fakten, nicht deren moralische oder politische Bewertung, aber auch nicht ihre Zensur nach Opportunitätsgesichtspunkten stand für Hilberg im Vordergrund. Es ist bezeichnend, dass Arendts Buch schon ein Jahr nach seinem Erscheinen in New York auch auf Deutsch vorlag, während von Hilbergs "Destruction of the European Jews" erst 1982 eine deutsche Übersetzung erschien. Der Verlag Olle und Wolter, der schließlich das Risiko auf sich genommen hatte, nachdem mehrere deutsche Großverlage zuvor abgewunken hatten, beschleunigte mit diesem aufwendigen Projekt seinen wirtschaftlichen Ruin. Den Arbeiten Hilbergs fehlte genau das, was Bücher eines Historikers für ein breites Publikum attraktiv machen könnte: Simplifizierungen, Überspitzungen, Polemik nicht um der Sache, sondern um des Effekts wegen.

Raul Hilberg wurde am 2. Juni 1926 in Wien geboren. Ein Jahr nach dem "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich emigrierte die Familie über Frankreich und Kuba in die USA, wo sie sich in Brooklyn, New York, niederließ. Nach dem Besuch der High School wurde Raul Hilberg zur Armee eingezogen. Seine Division war an der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau beteiligt. Hilberg kam dann zum War Documentation Department, das mit dem systematischen Aufspüren, Zusammentragen und Sichten deutscher Dokumente beauftragt war, die der Verfolgung und Bestrafung von Kriegsverbrechen dienen konnten.

Ende der 40er Jahre begann er an der New Yorker Columbia University Politische Wissenschaften zu studieren. 1955 promovierte er dort, mit einem Teil der Arbeit, die später als "Destruction of the European Jews" bekannt wurde. Als Doktorvater hatte er sich den aus Deutschland stammenden, 1933 emigrierten Franz Neumann ausgewählt, der 1942 mit dem Buch "Behemot" eine der ersten grundsätzlichen Analysen des deutschen NS-Staates veröffentlicht hatte. Der Professor wollte Hilberg zunächst nicht als Doktoranden annehmen und prophezeite ihm, diese Arbeit werde sein "akademisches Begräbnis" werden. Neumann stieß sich vor allem an dem Teil der Untersuchung, der sich mit der erzwungenen Mitwirkung jüdischer Stellen am Vernichtungsprozess beschäftigte. Er starb 1954, sodass Hilberg Seine Doktorarbeit bei einem anderen Professor abschließen musste.

Die Suche nach einem Verlag, der das rund 700 Seiten starke Manuskript herausgeben würde, dauerte über fünf Jahre. Einigen Verlagen war der Text zu umfangreich, um ihn wirtschaftlich vertretbar zu verlegen. Andere störten sich an Inhalten. Das Buch erschien schließlich bei einem kleinen Verlag in Chicago, nachdem zuvor ein reicher Sponsor die Abnahme von 1.300 Exemplaren garantiert hatte, die er an Bibliotheken verschenken wollte.

Hilbergs Buch war von Anfang an vor allem mit der Kritik konfrontiert, er bewerte einerseits die Rolle der Judenräte zu negativ und verkleinere, vernachlässige auf der anderen Seite die Bedeutung des jüdischen Widerstands. Tatsächlich war Hilberg aufgrund vieler Einzelfakten zu der Schlussfolgerung gelangt, dass die Mehrheit der Judenräte sich zu Helfern der deutschen Täter gemacht und die Entwicklung von Widerstand mehr behindert als gefördert habe. Was den jüdischen Widerstand angeht, war Hilberg der Meinung, dass dieser den Vernichtungsprozess nicht nennenswert gestört habe. Nicht mehr als 300 Angehörige des deutschen Vernichtungsapparats seien dem jüdischen Widerstand zum Opfer gefallen.

Letztlich beruhte der Dissens wohl großenteils darauf, dass Hilberg an die Geschichte ganz andere Fragen stellte als Seine Kritiker. Sicher gibt es viele Gründe, den Widerstand gegen die Judenvernichtung, gegen die NS-Diktatur und gegen den Faschismus allgemein hochzuhalten, Seine Rolle hervorzuheben. Das ist kein speziell jüdisches Anliegen, sondern beispielsweise mit dem kommunistischen Widerstand verhält es sich im Grunde ähnlich. Der Historiker, der anders an die Dinge herangeht, kann daher unterkühlt, "klinisch", desinteressiert, vielleicht sogar verächtlich wirken, wenn er diagnostiziert, dass der Widerstand, bezogen auf den Gesamtprozess, eine nur wenig wirksame Marginalie war. "Aufbauendes", "Positives" zu liefern, war nicht Hilbergs Anliegen. Im Gegenteil, es widerstrebte ihm. Er war gegen eine "Opfer-orientierte" Geschichtsschreibung und meinte, der Vernichtungsprozess in seiner Gesamtheit, in seinem Ablauf und in seiner inneren Logik müsse in erster Linie von der Täterseite her analysiert werden, da es fast ausschließlich die Täter waren, die den Prozess gestalteten und bestimmten.

Viel Kritik zog sich Hilberg für sein Buch auch zu, weil er - vielleicht als erster Nicht-Revisionist überhaupt - die Zahl der ermordeten Juden einigermaßen genau zu ermitteln versuchte. Bis dahin hatte die Zahl "6 Millionen" geradezu den Status eines Tabus, an dem nur zweifeln konnte, wer den Holocaust relativieren und die Schuld der Täter verkleinern wollte. Dabei war diese Zahl lediglich das Ergebnis sehr grober Schätzungen, die kurz nach Kriegsende vorgenommen worden waren. Zu einem Zeitpunkt also, als der Überblick über den Vernichtungsprozess noch sehr unvollständig war und die wissenschaftliche Auswertung der Dokumente kaum begonnen hatte. Es war eine bequeme, leicht zu merkende Zahl, wie von Werbeleuten erfunden. Jede Zahl mit einem Komma wäre erheblich weniger einprägsam und wohl leider, wenn man von der Konsumenten-Psychologie ausgeht, auch weniger eindrucksvoll gewesen. Einmal festgesetzt hatten die "6 Millionen" Eingang in die Literatur, sogar in die Musik gefunden. Man konnte diese Zahl im Grunde nicht mehr in Frage stellen, ohne hämisches Triumphgeschrei der Rechtsextremisten hervorzurufen, die es "immer schon gesagt" hatten. Gleichzeitig setzte man sich der Gefahr aus, von Gegnern mit den Revisionisten in einen Topf geworfen zu werden.

Hilberg wagte es dennoch. Seine Berechnungen brachten ihn schließlich zu der Annahme, dass die Zahl der ermordeten Juden zwischen 4,9 und 5,4 Millionen gelegen habe, vermutlich bei rund 5,1 Millionen. In den Jahrzehnten, die seit dem ersten Erscheinen von Hilbergs Buch vergangen sind, ist es ganz üblich geworden, dass Historiker mit unterschiedlichen Methoden Berechnungen über die Zahl der Ermordeten anstellen und dabei zu voneinander abweichenden Ergebnissen gelangen. Auch dass die Zahl doch nahe bei 6 Millionen gelegen haben könnte, steht wieder zur Diskussion. Zu Hilbergs Verdiensten gehört, dass er diese wissenschaftliche Diskussion überhaupt erst angestoßen und möglich gemacht hat. Denn nur so wird der Holocaust als ein realer Vorgang wirklich ernst genommen: als etwas, was sich tatsächlich ereignet hat und was folglich untersuchbar ist, ohne dass Mythen den Weg versperren.

Es war natürlich und voraussehbar, dass Raul Hilberg die von seiner Arbeitsweise weit entfernte Methode von Daniel Goldhagen sehr scharf und mit deutlich genervter Knappheit kritisierte. "Sein wissenschaftlicher Standard ist auf dem Niveau von 1946" urteilte Hilberg. Und: Nur weil es an der Fakultät für Politikwissenschaft der Universität Harvard niemanden gebe, der ausreichende Sachkompetenz besitze, habe Goldhagen dort einen Doktortitel bekommen können.

Auf der anderen Seite hat Hilberg sich mehrmals zustimmend zu den Auffassungen von Norman Finkelstein geäußert, dessen Buch "The Holocaust Industry" von vielen, und keineswegs nur von ganz Verbissenen, als tendenziell antijüdisch und auf jeden Fall sehr problematisch kritisiert wird. Der Mainstream hatte es Hilberg viele Jahre lang nicht leicht gemacht, und es war ihm seinerseits nicht wirklich wichtig, was der Mainstream über ihn dachte. Genauer gesagt: er pfiff darauf.

Knut Mellenthin

Analyse und Kritik, Oktober 2007


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