CHRONOLOGIE des HOLOCAUST

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01.02.1940

Wartheland

Denkschrift des Gesundheitsamtes der Stadt Lodz "über die Notwendigkeit der Errichtung eines Ghettos".

Die seuchenhygienische Lage in der Stadt, vor allem "das durch Kriegsverhältnisse bedingte, gehäufte Auftreten von Fleckfieber", erfordere einschneidende Maßnahmen, "um die Seuche auf ihren Herd zu beschränken". Die Seuche nehme ihren Ausgang aus dem Nordtteil von Lodz, "wo seit Jahr und Tag unter den denkbar primitivsten hygienischen Verhältnissen ausnahmslos Juden wohnen". - Angesichts der "durch den kulturellen Tiefstand bedingten Verständnislosigkeit der Juden" sei eine Entlausung von Personen, Wohnungen usw. aussichtslos. "Bei dieser Sachlage ist die einzig mögliche, erfolgversprechende seuchenhygienische Bekämpfungsmaßnahme, daß jeglicher Kontakt mit Juden unter allen Umständen vermieden werden muß. (...) Diese Gründe sind es, die den Gedanken eines Ghettos zur unabweisbaren Notwendigkeit werden ließen."
"Der den Juden zugewiesene Stadtbezirk ist nach der Evakuierung aller dort wohnenden Deutschen und Polen (...) allseitig durch eine feste Umwehrung (...) mit Bewachungstürmen zu umgeben, so daß ein heimliches Entweichen von Ghetto-Insassen unmöglich gemacht wird. Die dauernde polizeiliche Bewachung der Ghetto-Grenzen ist unbedingt notwendig".
"Bei der Zuwanderung der übrigen in Lodsch ansässigen Juden in das Ghetto muß (...) mit einem Anwachsen der Morbidität gerechnet werden. Um diesem - besonders den Wachmannschaften drohenden - Gefahrenmoment zu begegnen, muß an der Ghettogrenze eine Bannlinie geschaffen werden, deren Betreten den Insassen bei strengster Strafe, unter Umständen Todesstrafe, verboten wird." (Adler, S. 169-170)

06.02.1940

Generalgouvernement

Interview Franks mit einem Korrespondenten des "Völkischen Beobachters".

Zur Frage nach dem Unterschied zwischen Generalgouvernement und Protektorat sagt Frank: "Einen plastischen Unterschied kann ich Ihnen sagen. In Prag waren zB. große rote Plakate angeschlagen, auf denen zu lesen war, daß heute 7 Tschechen erschossen worden sind. Da sagte ich mir: wenn ich für je sieben erschossene Polen ein Plakat aushängen lassen wollte, dann würden die Wälder Polens nicht ausreichen, das Papier herzustellen für solche Plakate.- Ja, wir mußten hart zugreifen. Jetzt hat sich aber schon vieles beruhigt." (Präg, S. 104)

08.02.1940

Wartheland

Die Errichtung eines Ghettos in Lodz wird angeordnet.
Alle noch in der Stadt lebenden Juden (über 160.000 Menschen) müssen innerhalb weniger Tage unter Zurücklassung des größten Teils ihres Besitzes in das ihnen zugewiesene Gebiet umziehen, aus dem zugleich die dort wohnenden Polen und Deutschen ausgesiedelt werden. Das Ghetto ist nur 4,13 qkm groß und hat lediglich 31.000 Wohnungen - größtenteils ohne Kanalisation und fließendes Wasser. - Beim Versuch, sich der Zwangsumsiedlung ins Ghetto zu entziehen, wird sofortiger Schußwaffengebrauch angedroht.

"Juden, die in lebenswichtigen Industriezweigen beschäftigt sind und deren Ersatz durch andere Personen nicht möglich ist, können auf Antrag der Arbeitgeber weiter beschäftigt werden, wenn diese sich für die Verpflegung und sichere Unterbringung dieser Juden in einer geschlossenen Unterkunft verpflichten und überhaupt bereit sind, für sie in jeder Weise zu sorgen." (Adler, S. 170-171)

09.02.1940

Jüdische Krankenbehandler und Konsulenten (ehemalige Ärzte oder Anwälte, die nur noch für Juden arbeiten dürfen) dürfen über ihre Einnahmen nicht frei verfügen. Die nach amtlicher Ansicht nicht zur Ausübung der Praxis erforderlichen Mittel müssen auf "Sicherungskonten" eingezahlt werden, auf die die Betroffenen nur sehr eingeschränkt zugreifen können.

12.02.1940

Unter Vorsitz Görings findet eine Konferenz über "Ostfragen" statt

Teilnehmer sind u.a. Himmler, Frank und die Gauleiter der annektierten Ostgebiete.
Göring: "Oberstes Ziel aller im Osten zu treffenden Maßnahmen" müsse die Stärkung des deutschen Kriegspotentials sein. Das Generalgouvernement werde zwar die "geordnete Judenauswanderung" aus Deutschland und den annektierten Gebieten aufnehmen müssen. "Es darf aber nicht mehr vorkommen, daß Transportzüge ohne ordnungsmäßige und fristgerechte Anmeldung bei dem Generalgouverneur in das Generalgouvernement geschickt werden."

Gauleiter Forster (Danzig-Westpreußen): Die Bevölkerung seines Gebiets zähle 1,5 Millionen, davon Deutsche 240.000, alteingesessene Polen 850.000, "zugewanderte Polen, Juden und Asoziale 300.000". Er wolle auch "die zahlreichen arbeitsscheuen Elemente, die jetzt der Fürsorge anheimfallen", durch Abtransport ins Generalgouvernement loswerden. Für das laufende Jahr sei noch mit der "Evakuierung" von 20.000 Personen zu rechnen.

Gauleiter Greiser (Wartheland): Sein Gebiet habe etwa 4,5 Mio. Einwohner. Darunter seien 400.000 Deutsche und 400.000 Juden. Bisher seien 87.000 Personen "evakuiert" worden.

Gauleiter Wagner (Schlesien): Aus seinem Gebiet habe es bisher keine "Evakuierungen" gegeben. "Für die Zukunft ist allerdings die Abschiebung von 100 - 120.000 Juden und 100.000 unzuverlässigen zugewanderten Polen in Aussicht genommen."

Generalgouverneur Frank: "Die Bevölkerung des Generalgouvernements wird zurzeit auf etwa 14 Millionen geschätzt, von denen 1,7 - 3 Millionen Juden sein düften." - Die Fortsetzung der bisherigen Umsiedlungspraxis würde die Wiedererrichtung einer geordneten Verwaltung unmöglich machen. Selbst der inzwischen stark reduzierte bzw. zeitlich gestreckte Umsiedlungsplan setze eine Lösung der Ernährungsfrage voraus.

Himmler schätzt, daß bisher insgesamt höchstens 300.000 Menschen aus den "neuen Ostgauen" ins GG abgeschoben wurden. "Zugunsten der Wolhyniendeutschen werden in diesem Jahre noch polnische Bauern in Posen, Westpreussen und Südostpreussen, und zwar in dem Streifen längs der Gouvernementsgrenze, ausgesiedelt werden." - Mit Rücksicht auf die Schwierigkeiten der Umsiedlung und die Kriegsnotwendigkeiten sei aber die geplante Übernahme von insgesamt etwa 250.000 "Volksdeutschen" aus Litauen, der Bukowina und Bessarabien zurückgestellt worden. Über das Verfahren bei künftigen Zwangsumsiedlungen werde er sich mit Frank verständigen. (IMT, EC-305)

15.02.1940

Ohne Vorankündigung werden in Stettin über 1.000 jüdische Menschen jeden Alters mitten in der Nacht von der Polizei aus ihren Wohnungen getrieben und zum Bahnhof gebracht. Sie werden nach Lublin im Osten des Generalgouvernements abtransportiert und von dort weiter zu drei Dörfern in 25-30 km Entfernung getrieben, wo zu ihrer Unterbringung und Versorgung keinerlei Voraussetzungen bestehen. Viele sterben schon während der Gewaltmärsche auf den tiefverschneiten Landstraßen und Wegen im Zielgebiet bei Temperaturen um minus 20 Grad.

Es handelte sich um die erste Deportation jüdischer Menschen aus dem "Altreich" ins Generalgouvernement, und sie wurde in der internationalen Öffentlichkeit mit großer Aufmerksamkeit und Entsetzen wahrgenommen. Am 17. Februar beantwortete das RSHA eine Anfrage des Auswärtigen Amtes in diesem Zusammenhang: Es habe sich in Stettin lediglich um eine Einzelmaßnahme gehandelt, um für baltendeutsche Umsiedler vorübergehend Platz zu schaffen. Eine ähnliche "Abschiebung" von etwa 160 jüdischen Menschen aus der pommerschen Stadt Schneidemühl fand am 12. März 1940 statt.

19.02.1940

Mitarbeiterbesprechung im Propagandaministerium

"In jüdischen Händen befindliche Meisterwerke deutscher bildender Kunst sollen schnellstmöglich in deutschen Besitz übergehen." (Boelcke I, S. 289)

21.02.1940

Bericht des Inspekteurs der Konzentrationslager, SS-Oberführer Glücks, an Himmler

Am 1.2.1940 habe Himmler befohlen, folgende Gefangenenlager auf ihre Eignung als Konzentrationslager hin zu besichtigen: Polizeigefängnis in Welzheim; Durchgangslager in Kislau; Lager Frauenberg bei Admont; Lager Sosnowitz Ost; Lager Auschwitz. - Alle bis auf Auschwitz werden für ungeeignet befunden.

Auschwitz sei "nach Abstellung einiger sanitärer und baulicher Mängel als Quarantänelager geeignet". Ein ausführlicher Bericht sei Himmler, Pohl (Wirtschaftsamt der SS), Heydrich und dem Reichsarzt-SS vorgelegt worden. "Die noch notwendigen baulichen und hygienischen Untersuchungen in Auschwitz werden z.Zt. durchgeführt. Wenn die vom Chef der Sicherheitspolizei veranlaßten Verhandlungen auf Überlassung des Lagers von der Wehrmacht - es befindet sich, wie bereits gemeldet, noch eine Baukompanie im Lager - zum Abschluß gekommen sind, wird  sofort die Ingangsetzung als Quarantänelager von mir durchgeführt werden." (IMT, NO- 034)
Die Wehrmacht erteilt den Plänen am 8. April ihre Zustimmung. (Czech, S. 30)

29.02.1940

Rede Himmlers vor Gauleitern und anderen Parteifunktionären

"Wir müssen zum mindesten in den Provinzen, die jetzt zu Deutschland gehören, sehen, daß das Problem einer polnischen Minderheit zu unserer Zeit aufgelöst und ausgerottet wird. Das Problem muß ausgerottet werden. Ich möchte hier nicht falsch verstanden werden, und die polnische Nationalität und das polnische Volk muß nach zwei Seiten hin aufgelöst werden." (Nämlich auch durch zwangsweise "Eindeutschung" von Teilen der polnischen Bevölkerung)

"Es war am Anfang notwendig, daß wir (...) in einer sehr harten Form durchgegriffen haben. (...) Wir mußten zunächst dem Gegner seine führenden Köpfe nehmen, das waren die Leute im Westmarkverband, in den aufständischen Verbänden, das war die polnische Intelligenz. Die mußten weg, da half nun nichts."

Nach dem Krieg wolle man mehrere Millionen Deutsche aus Südosteuropa, aus Kanada, den USA, aus Südamerika u.a. in die "Ostgebiete" holen, um ein Volk von 100 Millionen Menschen zu bilden. "Jetzt aber bitte ich, daß an diese Frage nirgends gerührt wird, also daß wir überhaupt die Frage nicht anschneiden, denn wir könnten in meinen Augen politisch jetzt auf dem Balkan nicht die geringste Unruhe brauchen. Da muß absolute Ruhe, absoluter Stillstand sein."

"Ich habe in diesem Jahr höchstens noch vor - unter der Voraussetzung, daß das ganze Jahr Krieg ist -, daß ich an die Auswanderung der Juden gehe, soweit es zahlenmäßig erträglich ist. Dies hängt wieder von der Ernährungsmöglichkeit im Generalgouvernement ab und damit von der Aufnahmefähigkeit des Generalgouvernements und außerdem von der Transportlage. (...) Die neuen Provinzen haben rund 600.000 Juden. Vor allem Lodz hat 300.000, das Altreich und die Ostmark und der Sudetengau haben noch rund 400.000 Juden und Judenmischlinge ersten Grades."

"Ich will die eine Sache erwähnen, weil Sie sie wahrscheinlich hören werden, damit hier keine falschen Hoffnungen erweckt werden. In einem einzigen Gau habe ich Juden in das Generalgouvernement aus dem Altreich überführt. Das ist aus dem Gau Pommern, und zwar deswegen, weil Pommern für die Baltendeutschen und vor allem auch für die alten Baltendeutschen keinen Platz mehr hatte. Deswegen mußte ich hier räumen. Für andere Gaue kommt es nicht in Frage. Also keine falschen Hoffnungen, meine Herren, denn zunächst war das ja auch nur eine Maßnahme, die durch eine augenblickliche Notlage erforderlich war. (...)

Zunächst muß ich versuchen, aus den Ostprovinzen, Posen und Westpreußen, Ostoberschlesien und Süd-Ostpreußen, aus den vier Provinzen die Juden herauszubringen. Das ist die erste Maßnahme. Dann kommt das Altreich, dann wird das Protektorat kommen. Auch hier will ich die 150.000 Juden, die im Protektorat sind, einmal heraustun.

Eine Frage für sich sind die Zigeuner. Die will ich, wenn es geht, noch in diesem Jahr heraustun. Es sind im ganzen Reich 30.000, die aber rassisch einen sehr großen Schaden anrichten. Vor allem in der Ostmark sind es sehr viele."

"Ich stelle mir vor, daß wir unbarmherzig in der Siedlung sind, denn diese neuen Provinzen müssen germanische, blonde Provinzen Deutschlands werden, müssen nationalsozialistische Provinzen werden. (...) Was machen wir mit den Millionen von sogenannten Einheimischen, also der sogenannten Mischbevölkerung von Westpreußen und von Posen, was machen wir mit denen? Ich stelle mir vor, daß wir hier rein nach rassischen Prinzipien an die Frage herangehen. Im Frieden wird es möglich sein, eine rassische Auslese und eine rassische Siebung dieses Gesamtvolkes durchzuführen."

Ein Teil werde "eindeutschungsfähig" sein. "Ein anderer Teil wird so sein, daß man sagt, kommt gar nicht infrage, das sind ganz klare Mongolen, Mongolenmischlinge und Hunnen. Die kommen in das Generalgouvernement." (Geheimreden, S. 115ff)

 


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